Moritz Meyer 2 Nachrichten

#MoritzMeyer (2): Nach dem Endboss – Haben Nachrichten auf YouTube eine Chance?

In #MoritzMeyer schreibt unser Autor regelmäßig über Themen aus der Online-Video-Welt, die ihm die Tränen in die Augen, den Blutdruck in die Höhe oder den Verstand aus dem Hirn treiben.

Philipp de Franco will also ein eigenes Nachrichten- und Unterhaltungsnetzwerk auf YouTube aufbauen. Wenn das jemand hinkriegen kann, dann sicherlich de Franco, einer der erfolgreichsten News-YouTuber weltweit mit mehr als fünf Millionen Abonnenten. Er ist einer der wenigen, die mit aktuellen Nachrichten erfolgreich geworden sind. Auf Dauer funktioniert haben bisher nur wenige Formate. Denn YouTube und Nachrichten, das ist vor allem eine Aneinanderreihung von verpassten Gelegenheiten.

Zwar sind insbesondere Inhalte, in denen Wissen und Bildung vermittelt werden, sehr erfolgreich auf YouTube. Junge Menschen nutzen die Plattform intensiv, um sich zu informieren, wie ein Blick in die Jim-Studie zeigt. YouTube ist für 12 bis 19-Jährige die zweitwichtigste Informationsquelle nach der Google-Suche. Doch ausgerechnet Nachrichtenformate tun sich sehr schwer: Bis heute ist es keinem großen, etablierten Medium, ganz gleich ob TV oder Print, gelungen, eine relevante Präsenz auf YouTube aufzubauen.

Wie die Geier

Auch, weil sie die Plattform viel zu lange ignoriert haben. Nachrichten auf YouTube? Also bitte, wir sind schließlich [hier ein “seriöses deutsches Nachrichtenangebot” einfügen] und kein Kinderfernsehen. Inzwischen hat sich das Bewusstsein gewandelt. Heute stürzen sich Medien auf neue Plattformen wie Geier auf einen frischen Kadaver. Bloß keinen Hype mehr verpassen! Auf der Spielwiese Snapchat wanzen sich dutzende deutsche Medien an die Nutzer ran. Ein paar davon dürfen jetzt sogar mit den Großen spielen und im Discovery-Bereich mitmischen..

Auf YouTube hingegen überließ man es Leuten wie LeFloid News zu verbreiten. Das brachte ihm auf dem Höhepunkt seines Schaffens einen Grimme Online Award ein. Ein Jahr später verdiente er sich die zweite Auszeichnung: Den Hohn deutscher Journalisten, als er sich von Bundeskanzlerin Angela Merkel für einen sommerlochigen PR-Stunt vor den Karren spannen ließ. LeFloid bezeichnete die Kanzlerin im Nachgang als “Endboss”, und irgendwie fühlte es sich auch so an, als sei das Game “YouTube und Journalismus” damit durchgespielt. Game Over, keine Credits mehr.

Kostet halt Geld

Ein anderes nachrichtliches Angebot, der Kanal “Was geht ab!?” von Mediakraft, war inzwischen eingestellt worden. Auch dort hatte man erkennen müssen: Journalismus kostet Geld, verträgt sich dummerweise aber nicht mit einem Vermarktungskonzept, das auf Produktplatzierungen basiert. Gleichzeitig irrlichterte der WDR mit seinem Format “360” über die Plattform, das einen kapitalen Fehlstart hinlegte, mit stotterndem Motor weiterfuhr, dann für schrottreif erklärt wurde, um doch noch mit einer Art “Pimp my Ride-Aktion” gerettet zu werden. Ein stattlicher Straßenkreuzer ist zwar nicht draus geworden, eher strampelt man sich wacker wie auf einem Holland-Rad ab. Typisch Öffentlich-Rechtlich: Unverwüstlich, aber irgendwie auch unspektakulär.

Und sonst? Das, was sich so Nachrichten nennt auf YouTube, dreht sich vor allem um: YouTube. Selbstreferentiell bis zum Geht-nicht-mehr, verpacken Mr. Trashpack, Herr Newstime und Co. die allwöchentlichen Belanglosigkeiten von den Bibis, dieLochis und ApeCrimes dieser Welt in mundgerechte Häppchen. Das freut außer der Hardcore-Community nur Hersteller von chinesischen Reissäcken. Nachrichten, die auch Menschen mit einem richtigen Leben interessieren, gibt es eher woanders. Facebook spült schon irgendwas in die Timeline und die gute, alte Tagesschau-App ist ja auch noch da.

Letzte Ausfahrt: Öffentlich-Rechtliche?

Der alte Spruch “Nichts ist so alt wie die Nachrichten vor meiner letzten Timeline-Aktualisierung” trifft auf YouTube ganz besonders zu: Kaum jemand sucht dort nach aktuellen Geschichten. Gegen das Grundrauschen von Minecraft-Let’s Plays und Vlogs kommt man nur an, in dem man seeeeeehr viele Videos macht. Und das ist teuer, besonders bei Nachrichten, die sich seriös nicht als One-Man-Show betreiben lassen, sondern eine vollwertige Redaktion erfordern. Leisten können und wollen sich das in Deutschland, leider, mal wieder nur die Öffentlich-Rechtlichen. Und selbst die lassen reichlich Luft nach oben: Jemand wie Rayk Anders von “funk” macht tolle und informative Videos, keine Frage. Aber von einem per Crowdfunding mit öffentlich-rechtlichen Gebühren finanzierten Angebot erwarte ich eigentlich das, was Phil de Franco jetzt aus eigener Kraft und mit der Hilfe der Community stemmen will: Täglich relevante Videos!

YouTube sei keine Plattform für Nachrichten, heißt es oft. Die größte Bewegtbildplattform der Welt soll ungeeignet sein, um Menschen mit aktuellen News zu erreichen? Ich hoffe sehr, dass Phil de Franco den Gegenbeweis antritt. Und hoffentlich Nachahmer in Deutschland findet. Schließlich stehen wir vor der wichtigsten Bundestagswahl seit der Wiedervereinigung. Einen besseren Zeitpunkt, das Thema “News” auf YouTube noch mal anzugehen, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

#MoritzMeyer ist ein Kommentar und spiegelt lediglich die Meinung des Autors wieder.