TubeHamburg

Einfach machen! – Chancen und Hindernisse beim Aufbau einer lokalen Webvideo-Community

Die besten Ideen entstehen eigentlich aus der eigenen Not heraus. Lokale Communities bieten eine Menge Chancen, stellen einen aber auch vor Herausforderungen. Welche das sein können, berichtet der YouTuber David Schlaumacher in einem Gastbeitrag für Broadmark.

Im Frühjahr 2015 habe ich meinen eigenen YouTube-Kanal gestartet. Zum Start meines Channels nahm ich dabei alle Informationen auf, die ich finden konnte, um mich auf den neuesten Stand zu bringen.

Wie ich bereits aus meinem Job in einer Kooperationsmarketing-Agentur wusste, können Kooperationen sehr gewinnbringend für alle Beteiligten sein, weshalb ich gerne mit anderen YouTubern zusammenarbeiten wollte. Ich wollte gerne mit anderen Creatorn gemeinsam wachsen und Erfahrungen austauschen. Dass ich als “Neuling” Kontakt zu bekannten und reichweitenstarken YouTubern erhielt, ohne selbst einen größeren Kanal zu haben, war zum damaligen Zeitpunkt für mich vollkommen abwegig. Selbst kleinere YouTuber als Verbündete zu finden, gestaltete sich schwierig. So kannte ich zwar die großen Namen der Branche, aber gerade kleine YouTuber, die für eine Kooperation in Frage kämen, fand ich in der Flut der Kanäle auf YouTube nicht. Deshalb fragte ich mich schnell: Wie kann man geeignete Leute finden, mit denen man gemeinsam Ideen verwirklichen und sich über YouTube-Themen austauschen möchte?

Fast jeder kleine YouTuber hat das Gefühl, der Einzige in seiner Stadt zu sein

Durch Zufall stieß ich dabei auf die TubeMunich-Veranstaltung vom Café Netzwerk und Steve Heng in München, die im Rahmen eines sogenannten CreatorDays gemeinsam mit YouTube durchgeführt wurde. Die Veranstaltung im Café Netzwerk hatte mir mit ihren Vorträgen und dem Q&A-Panel sehr gut gefallen. Auch der Zusammenhalt der anwesenden kleinen YouTuber hatte mir imponiert. Man wurde mit offenen Armen empfangen.

Zurück an meinem damaligen Wohnort Hamburg war ich von der Idee angefixt. Sowas musste es doch in einer Millionenmetropole und Medienstadt wie Hamburg auch geben. Ich recherchierte nach Vereinen, Filmförderungen und Jugendtreffs, aber Fehlanzeige.

Ich sprach mit dem örtlichen medienpädagogischen Verein, aber dort konnte man mit Webvideo nur bedingt etwas anfangen. Ich sprach mit den medienpolitischen Vertretern verschiedener Parteien der Hamburger Bürgerschaft und bat um Unterstützung aus öffentlicher Hand. Hier war die Offenheit für die Idee größer, aber es fehlte an den Mitteln zur Realisierung für die Schaffung eines gemeinsamen Ortes für eine Art YouTube-Treffpunkt.

“Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.”

Oder wie war das? Ich musste es also selbst in die Hand nehmen.

Ich kannte die mitgliederstarken Gruppen auf Facebook, in denen die Nutzer spamartig ihre neusten Videos posteten, aber niemand sich die einzelnen Videos wirklich anschaute. Alle beklagten sich dort, dass die großen YouTuber immer größer würden und kleine keine Chance mehr hätten. Sub4Sub (ich abonniere deinen Kanal, du abonnierst meinen) schien für viele Gruppenmitglieder der letzte Weg in der YouTuber-Olymp. Jeder war auf sein eigenes Fortkommen fixiert, statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Diese Gruppen waren die Quellen aus denen ich mich bedienen wollte.

Ich eröffnete nach kurzer Absprache mit dem TubeMunich-Team die Facebook-Gruppe TubeHamburg und fragte in den einschlägigen Gruppen, ob jemand aus der Region Hamburg käme und Lust auf ein reales Treffen habe. Beim ersten Treffen im Sommer 2015 waren wir nur eine Handvoll Leute, die sich auf eine Alsterwiese setzten und aus der Anonymität des Internets heraustraten. Das erste Treffen wurde gut angenommen und mir war klar, dass ich jetzt dran bleiben musste. Einmal im Monat erschien mir ein Turnus zu sein, der nicht zu häufig war, aber auch oft genug, dass man sich nicht aus den Augen verlor. So trafen wir uns ein paar Mal, bis YouTube selbst auf uns aufmerksam wurde. Im Rahmen eines CreatorDays in Hamburg konnte ich mich mit einem Community Manager von YouTube austauschen und kurze Zeit später wurde ich gefragt, ob ich nicht beim Aufbau des YouTube Ambassador-Programms helfen wolle. Dieses Programm beinhaltete die Unterstützung lokaler Creator-Communities durch YouTube selbst. Durch die Kooperation mit YouTube wurde es mir ermöglicht, einen festen Raum für unsere Treffen zu organisieren und damit TubeHamburg eine feste Heimat zu geben. Dadurch konnte ich mich auf den nächsten Schritt konzentrieren.

Ich stellte mehr und mehr fest, dass für viele Creator “einfach nur treffen” nicht reichte. Ein Mehrwert musste her. Da vielen kleineren YouTubern die Grundlagen in Sachen Videomarketing und YouTube-Basics fehlten, entschloss ich mich, die Treffen um eine Workshop-Komponente zu erweitern. Und so groovte es sich mit der Zeit immer mehr ein. Es bildete sich eine feste Kerngruppe heraus, die durch wechselnde Teilnehmer ergänzt wurde — auch wenn natürlich immer nur 50-70 Prozent der angemeldeten Teilnehmer auch wirklich bei den Treffen erschienen. Eine Aussage eines Teilnehmers zeigte mir aber, dass ich auf dem richtigen Weg war.

“TubeHamburg ist kein Community-Treffen mehr, sondern vielmehr eine Art Familientreffen.”

Diese Aussage freute mich sehr und zeigt, wie groß eigentlich der Wunsch nach Gemeinschaft und Austausch in den Menschen ist. Dieser Austausch und die Nachfrage nach solchen Treffen ging deshalb schnell auch über die Grenzen von Hamburg hinaus. Ich überlegte deshalb, wie man das Projekt skalieren könnte und machte einen Plan, wo in Deutschland Communities aufgebaut werden könnten, um die Wege für die Teilnehmer in ganz Deutschland kurz zu halten.

Darauf startete ich verschiedene Gruppen auch für andere Regionen. Schnell wurde mir jedoch klar, dass ich nicht kreuz und quer durch die Republik reisen konnte, um diese kostenlosen Community-Treffen anbieten zu können. Zwar gab es nach wie vor das Ambassador-Programm von YouTube und mittlerweile waren auch weitere Ambassadors dazu gekommen, doch die offiziellen “Happy Hours” (Community-Treffen von YouTube) waren nur für die YouTuber ab 1 000 Abonnenten gedacht — meiner Ansicht nach eine zu hohe Einstiegshürde.

“Hilfe zur Selbsthilfe”

Doch da ich nicht in jeder Stadt persönlich anwesend sein konnte, musste eine andere Lösung her. Ich schaute also, dass ich Leute fand, die an meiner Stelle dort die Treffen vor Ort organisierten. Ich wollte auch eigentlich nicht der Veranstalter der Treffen, sondern vielmehr nur der Initiator sein. Oftmals fehlt es den Leuten einfach an Initiative, selbst das Ganze zu starten. Doch die Suche nach geeigneten “Stellvertretern” gestaltete sich schwierig. Die wichtigste Eigenschaft für einen solchen lokalen Community-Manager ist schließlich eine langfristige intrinsische Motivation und ein dementsprechend freiwilliges, dauerhaftes Engagement. In den verschiedenen Städtegruppen meldeten sich immer wieder Gruppenmitglieder, die mich unterstützten und Gruppenadmin werden wollten. Ich war für jede Hilfe dankbar und vergab nach einem kurzen Gespräch die entsprechenden Rechte. In vielen Fällen war es aber leider so, dass die Motivation nur kurz hielt. Anfänglich war die Begeisterung noch groß, aber nach vielleicht ein oder zwei (wenn überhaupt) organisierten Treffen wurde sich nicht mehr gekümmert.

Eine Community lebt von der charismatischen Persönlichkeit ihres Leiters

Was nicht in allen Regionen funktionierte, klappte aber dennoch in einigen Städten. So etablierten sich regelmäßige Treffen in Hannover und Bremen, die sich von der Hamburger Community inspiriert fühlten. Aber auch Nürnberg und Stuttgart liefen erstaunlich gut. In Stuttgart und Köln wurden Synergien mit dem Tubersclub genutzt, den Benjamin Schulz maßgeblich organisiert. Statt ein Konkurrenzdenken zu befeuern, zog man an einem gemeinsamen Strang, um etwas Gutes zu bewirken. Das funktioniert auch nach wie vor sehr gut.

Mit der Zeit wuchsen dadurch die lokalen Gruppen und umfassen mittlerweile insgesamt über 1 800 YouTuber und Microinfluencer. Einige dieser Gruppen agieren schon autonom, anderen hat bisher der zündende Funke gefehlt. Ich bin aber zuversichtlich, dass dieser noch kommen wird.

Inzwischen bin ich von Hamburg nach Berlin gezogen. Die Gruppenleitung in Hamburg habe ich in fähige Hände gegeben und ich setze nun meine Arbeit in Berlin mit einer neuen Gruppe fort. Ich glaube, dass lokale Communities eine große Chance sind. Während meiner Arbeit habe ich immer wieder festgestellt, dass der Kontakt im Netz ein reales Treffen nicht ersetzen kann.

Gemeinsam zu lachen und einen schönen Nachmittag zu erleben, verbindet ungemein

Eine solche Gemeinschaft ist mehr als die Summe ihrer Teile. Man könnte quasi die Gleichung “1+1=3” aufstellen. In der Hamburger Community habe ich gesehen, wie Freundschaften entstanden sind, gemeinsam gearbeitet und sich gegenseitig geholfen wurde. Eine junge Dame hat sogar ihren Freund darüber kennengelernt. Und auch für Marken können die lokalen Communities ein interessantes Spielfeld sein. Zwar befinden sich in den Gruppen meist keine YouTuber mit einer riesen Reichweite, aber man findet dort Menschen, die eine Leidenschaft teilen. Manchmal kann dies wertvoller und fruchtbarer für ein Unternehmen sein, als jede Reichweite.

Aber es ist auch zugegebenermaßen nicht immer ganz einfach, eine solche Gruppe am Laufen zu halten. Die meisten Leute sind recht träge und müssen stets animiert und angeleitet werden. Es ist deshalb auf jeden Fall hilfreich, wenn es eine Person gibt, die ein bisschen das Zepter in die Hand nimmt und die Verantwortung übernimmt. Andernfalls fallen viele gute Ideen einer gewissen Lethargie zum Opfer. Gerade am Anfang ist notwendig, dass man eine leitende Rolle in der Gruppe übernimmt. Viele Leute kennen sich untereinander noch nicht und haben Schwierigkeiten, auf fremde Menschen zuzugehen — was man ja eigentlich von YouTubern erwarten würde.

Ich kann es deshalb jedem ans Herz legen, sich für einen besseren Austausch einer solchen Gruppe anzuschließen oder falls sich keine in der Nähe befindet, einfach mal selbst ein lokales Treffen zu organisieren. Letztendlich ist es nicht viel anders, als wenn man sich mit ein paar Freunden in einer Bar trifft und austauscht. Und so fangen doch auch immer die besten Geschichten an.

Beitragsbilder von David Schlaumacher

Über den Autor: 

David Schlaumacher ist selbstständiger Videoproduzent und Social Media-Berater. Auf seinem YouTube-Kanal „Der Schlaumacher“ präsentiert er einer Zuschauerschaft von über 50 000 Abonnenten wissenswerte Inhalte. Neben der Produktion eigener Inhalte, unterstützt David andere YouTuber und Unternehmen mit Workshops bei der Entwicklung neuer Formate und der Optimierung der eigenen YouTube-Präsenz.
Folgt David auf Twitter: @DerSchlaumacher