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Die reaktionäre Revolution auf YouTube

Als „eine Methode, andere in ihren Irrtümern zu bestärken“, bezeichnete der Satiriker Ambrose Bierce schon vor über 100 Jahren die Tat der „Diskussion“. Argumente werden wie Pistolenkugeln verschossen. Statt sich zu ducken und auszuweichen, gieren die Wort-Duellanten nach dem nächsten Volltreffer. Der Akt des „Beef“ ist ebenso glamouröse Show wie schmutziges Abschlachten der Gegenseite.

Seit #YouTubeDeutschland nicht mehr nur von heranwachsenden Intellektuellen und visionären Werbetreibenden bespielt und benutzt wird, gehören diese Bossfights fest zur Webvideo-Kultur, verlängert auf die denkbar unpassendste Plattform dafür — Twitter. Wenn sich schon Argumente nicht im Reallife austauschen lassen, dann doch bitte öffentlich mit maximal 140 Zeichen. Inklusive Emojis und gekürzten Links.

Doch steckt mittlerweile mehr hinter diesen Scharmützeln, als es die meisten Zuschauer der Hahnenkämpfe wahrhaben wollen. Längst haben sich zwei Lager gebildet, die sich nicht viel mehr zu sagen haben, als „Feuer frei“. Die Webvideo-Kultur war schon in ihrer Anfangszeit gespalten. Wo soll es hingehen? Wer sind die Feindbilder? Es war die Zeit der Revoluzzer des Medienwandels. Hauptsache weiter nach vorn, zerstört das, was uns aufhält, keine Gefangenen auf der USS YouTube.

Dem gegenüber hat sich heutzutage ein reaktionäres Lager zusammengefunden. Die Webvideo-Liebhaber, deren romantisch verklärter Blick zurück wie ein Schritt nach vorn erscheint. Damals ™, als wir noch unter uns waren. Damals ™, als Reichweite nichts mit Qualität zu tun hatte. Oder umgekehrt? Auf jeden Fall muss es wieder so gut werden wie früher. Oder besser? Einfach: #makeyoutubegreatagain

Vielleicht ist es ein Spiegelbild der Gesellschaft, dass polarisierende Meinungen auch vor der „coolen jungen Webvideo-Szene“ nicht zurückschrecken und sich dort wie Parasiten an Debatten hängen. Revolutionär vs. reaktionär. Und das mitten im vermeintlich progressivsten Teil der wilden neuen Medienwelt.

Welche Seite wird die Oberhand gewinnen? Wer setzt zum Finishing Move an?

Oder ist es nicht vielmehr so, dass dieser Kampf nicht enden wollen wird. Weil dieses Austarieren der Kräfte, dieses Streben nach vorn und zurück, der gelebte Ausdruck des Medienwandels ist. Getrieben von immer neuen technischen Möglichkeiten, neuen Plattformen und neuen Formaten, befinden wir uns in einer permanenten Revolution. Und damit im permanenten Angstzustand um das, was morgen sein kann. Und Verlustangst um das, was wir heute haben. Abonnenten, Views, Fans, Community. Jahrelang mühsam in der Revolution erkämpft, werden diese Errungenschaften durch neue Webvideomacher und neue Communities fortwährend in Frage gestellt. Die Qualität von heute — ein höchst subjektiver Begriff in Zeiten des immerwährenden Wandels — ist kein Versprechen für die Zukunft mehr. Und ja, das darf Angst machen. Es darf den Blick zurück verklären. Es darf nur nicht dazu führen, den Blick nach vorn zu verlieren. Die Vergangenheit der deutschen Webvideo-Kultur kann uns Erfahrungen für ein Morgen liefern. Die Antworten auf eine bessere Webvideo-Kultur – und damit als Teil davon auch #YouTubeDeutschland – müssen wir selbst geben. Dazu bedarf es schmerzhafter Diskussionen. Und das Akzeptieren von Irrtümern auf beiden Seiten.

Beitragsbild von tetedelacourse (CC BY-SA 2.0)