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Youtube und die Nutzungsrechte – Versuch einer Analyse (I)

Fast 10 Jahre ist es her, dass drei ehemalige Mitarbeiter das Unternehmen Youtube gründeten. Anders als bei der ein halbes Jahr zuvor gestarteten Videoplattform Vimeo, sollte Youtube nicht nur für hochwertige Videos im Netz stehen, sondern hauptsächlich Nutzer dazu animieren, selbst zum Regisseur oder Moviemaker zu werden.

Das allererste Youtube-Video wurde am 23. April 2005 veröffentlicht und zeigt Youtube-Mitbegründer Jawed Karim im Zoo von San Diego. Über 15 Millionen Views und weit über 97.000 Kommentare hat der 60-Sekünder bis heute.

Das Konzept hinter der Idee ging auf und das Unternehmen wuchs rasant. Das damals noch marktbeherrschende Portal Myspace als direkter Konkurrent, wurde buchstäblich überrannt. Die heutige Bedeutung von Myspace ist trotz mehrerer Relaunchversuche inzwischen nur noch marginal. Der damals parallel dazu wachsende Suchmaschinendienst Google wurde auf Youtube aufmerksam. Google selbst wurde 1996 als Suchdienst BackRub gestartet und 1998 in Google umbenannt. Bei der Suche nach einer Erweiterung des eigenen Portfolio stieß man auf Youtube. Nur eineinhalb Jahre nach dem Start der Videoplattform ging diese für über 1,3 Milliarden Euro in Aktien in den Besitz von  Google über. Damit wiederum begannen auch die internationalen Aktivitäten der bis dahin rein US-amerikanischen Plattform.

Youtube vs. GEMA - der Beginn einer unendlichen Feindschaft

2007 gab Youtube den Start verschiedener regionaler Ableger bekannt, darunter auch in Deutschland. Der für Juni 2007 geplante Start verzögerte sich allerdings bis November. Der Grund dafür war schon damals die Verwertungsgesellschaft GEMA. Diese verwaltet vorrangig die Nutzungsrechte der Werke von Komponisten, Textern und Musikern im Auftrag der Major Labels und Verlage beziehungsweise im Auftrag der Künstler selbst.
Eine kurzfristig getroffene Vereinbarung hielt nicht lange. Ende März 2009 lief die Vereinbarung aus. Seit dem muss Youtube immer wieder Videos für den deutschen Markt sperren. Von anfangs vereinzelten Sperrungen im Jahr 2009 sollen laut einer entsprechenden Analyse von OpenDataCity inzwischen über 60% aller bei Youtube abrufbaren Videos betroffen sein.

Mit dem Ende der Vereinbarung begann bereits im April 2009 eine bis heute beispiellose Schlammschlacht zwischen dem Internetriesen Google und der deutschen Verwertungsgesellschaft GEMA. Während nach und nach weltweite Vereinbarungen mit den jeweiligen Gesellschaften für die Wahrung der Urheberrechte getroffen werden konnten, ist eine solche Lösung in Deutschland nach wie vor nicht in Sicht. Youtubesprecherin Mounira Latrache erklärte zwar erst im Februar wieder in einem Interview mit golem.de, dass man zu einer Einigung bereit sei. Augenscheinlich ist man davon aber noch weit entfernt.
Mit vereinzelten Videosperrungen im April 2009, versuchte Youtube zunächst Druck auf die Urheber auszuüben, was etwas auslöste, was man heute wohl Shitstorm gegen Youtube nennen würde. Zu einer Annäherung führte die Aktion dennoch nicht. Bei Betrachtung der aktuellen Diskussion um die Indie-Labels auf Youtube, drängt sich einem allerdings eine fast schon schaurige Parallele zum Anfang des GEMA-Youtube-Streits auf.
Die GEMA selbst gab damals an, dass von einem Cent als Verhandlungsbasis die Rede war. Youtube sprach von 12 Cent je abgerufenem Video als Forderung der GEMA. Die Zahlen, die heute kursieren, sind mittlerweile andere. Laut „Spreeblick“ sollen aktuell 0,002 Euro pro View als Forderung der GEMA im Gespräch sein. Bestätigt ist diese Zahl aufgrund eines inzwischen vereinbarten Stillschweigens über die Verhandlungen allerdings nicht.

Im September 2009 einigte sich Google relativ schnell mit dem britischen GEMA-Pendant PRS über die Vergütung. Der damit verbundene Hoffnungsschimmer sich auch in Deutschland endlich einig zu werden, verpuffte allerdings schnell. Eher das Gegenteil trat ein. Gemeinsam mit neun weiteren europäischen Verwertungsgesellschaften forderte die GEMA im Mai 2010 die Löschung von 600 Videoclips auf Youtube. Parallel dazu erklärte die GEMA die Verhandlungen mit Youtube erstmals für beendet. Im August 2010 scheiterte die GEMA mit dem Versuch eine einstweilige Verfügung zu erwirken, nach der Youtube 75 Musikstücke nicht verwenden darf. Fast parallel dazu einigte sich Google mit der französischen Verwertungsgesellschaft Sacem. Diese gehörte dennoch zu den Nebenklägern in einem Hauptsacheverfahren, dass die GEMA gegen Google im September 2010 anstrebte. Hintergrund war, dass die Vereinbarung mit der Sacem nur für die französische Youtube-Plattform galt. Französische Künstler deren Videos aber beispielsweise auf der deutschen Youtube-Plattform zu finden waren, gingen leer aus.

Sowohl der Druck auf die GEMA als auch auf Youtube stieg kontinuierlich. Allerdings nicht nur wegen der Musik. Was eher selten beleuchtet wird, sind die urheberrechtlich geschützten Ausschnitte aus Filmen oder TV-Shows, die man natürlich ebenfalls auf Youtube findet. Bereits 2007 strengten deshalb die Konzerne Viacom und Paramount millionenschwere Klagen gegen Youtube an.
2011 dann ein weiterer unrühmlicher Höhepunkt in dem Streit. Die seitens Youtube eingesetzte und inzwischen weltweit berühmte Sperrtafel bekam einen neuen Text. Die GEMA gewann den zu Recht geführten Prozess gegen die irreführenden Sätze darauf.
Fast zeitgleich fingen die Major Labels an gegen die GEMA zu rebellieren, allen voran Sony – ein subtil wirkendes Unterfangen. Da immer mehr Labels von ihren Künstlern die vertragliche Einräumung ihrer Urheberrechte verlangen, um nicht den Umweg über einen Verlag gehen zu müssen, sorgte diese Aktion zumindest bei Leuten die sich mit der Materie genauer auskennen für ziemliches Kopfschütteln.
2011 schaltete sich die umstrittene Anonymus-Gruppe in den Rechtestreit ein und nahm mehrfach die Homepage der GEMA unter Beschuss.

Parallel zum weiterhin andauernden Streit mit dem Google-Konzern führte die GEMA in den vergangenen drei Jahren teilweise recht schnelle Einigungen mit verschiedenen anderen Videoportalen und auch mit verschiedensten Streamingdiensten herbei. Die Frage bleibt daher offen, ob tatsächlich allein die GEMA die Schuld an den Sperrungen trägt. Ende Februar 2014 gab eine Sprecherin von Youtube gegenüber der Süddeutschen Zeitung unumwunden zu, dass natürlich Youtube die Videos sperrt und nicht die GEMA. Diese Sperrungen nimmt man allerdings vorsorglich vor, da man keinen Einblick in die von der GEMA vertretenen Werke habe. Damit könnte die von OpenDataCity ermittelte Zahl von über 60% durchaus ihre Richtigkeit haben.

In der nächsten Kolumne werde ich mich ausführlicher mit dem „Zahlensalat“ des GEMA-Youtube-Streits befassen und auch versuchen zu beleuchten, was das eigentlich für die von der GEMA vertretenen Künstler bedeutet. So einfach wie es sich manche mit der Thematik machen, ist es nämlich nicht. Unter anderem spielen dabei auch die Major Labels eine nicht unerhebliche Rolle, denn das deutsche Urheber- und Leistungsschutzrecht ist ziemlich kompliziert. Kurios wird es diesbezüglich auch, wenn man sich die Argumentationsketten des einen oder anderen Youtubers anschaut. Tools wie AdBlock oder Disconnect sind verpönt, weil sie vermeintliche Einnahmen schmälern. Die Wahrung der Rechte von Künstlern, welche unterm Strich ja ebenfalls Geld generiert und die übrigens durchaus auch Youtuber sein können, wird dagegen permanent in Grund und Boden diskutiert. Eine Schere im Kopf, die manches mal ziemlich skurril wirkt. Aber dazu mehr im zweiten Teil.

Fakt ist, dass im Interesse aller schnellstens eine Einigung herbeigeführt werden muss. Auswüchse wie von Youtube, die Indie-Labels sperren zu wollen, oder von der GEMA, für die Einbettung der Videos noch mal abzukassieren, sind einfach nicht mehr hinnehmbar!

Letztlich liegt die Entscheidung bei jedem selbst, Youtube zu nutzen oder doch lieber auf Vimeo, dailymotion und all die anderen umzusteigen.

Beitragsbild: Maximilian Becker




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