Interaktion

Wo die Interaktionshölle YouTube Deutschland hinführt

Unser Gastautor Jan Karres beschäftigt sich mit der steigenden Interaktion auf YouTube.

Wird die Frage gestellt was Webvideo, und im speziellen YouTube, ausmacht, insbesondere im Vergleich zum Medium Fernsehen, so wird man häufig hören, dass die Interaktion mit den Zuschauern einer der wichtigsten Bestandteile ist. YouTuber sind nicht nur Videoproduzenten, sondern zugleich auch Zuschauer von anderen YouTube Kanälen. Sie wurden meist erst durch dritte YouTuber dazu gebracht, selbst Content für die Videoplattform zu produzieren. Dies hat zur Folge, dass auch große YouTuber häufig als normale Menschen anstatt als gehypte Stars, wie in anderen Medien, wahrgenommen werden.

In Zeiten der Zusammenschlüsse von eben diesen Videoproduzenten zu YouTube-Netzwerken, spielt neben dem Spaß an der Produktion auch eine Optimierung zur Steigerung der Reichweite in die Gestaltung neuer Videos eine Rolle. Optimierung bedeutet konkret unter anderem, die Zuschauer dazu zu ermuntern, mit dem Video Producer zu interagieren, da dies unter anderem Einfluss auf das Ranking von YouTube als Suchmaschine hat.

Arten von Interaktionen

Eine der wohl einfachsten Interaktionen ist der Like/Dislike eines Videos. Dieser signalisiert den anderen Zuschauern, ob das Video sehenswert ist, aber ist auch für YouTube ein leicht verwendbares Signal zur Einschätzung der inhaltlichen Videoqualität. Außerdem sind das Verhältnis Views zu Kommentaren, genauso wie die Dauer, die ein Video angesehen wird, weitere Indikatoren, die in die Bewertung eines Videos einfließen sollten. Nicht vergessen werden dürfen außerdem die beiden Möglichkeiten, das Video zu teilen und eine Playlist hinzuzufügen.

Doch bevor der Nutzer das Video zu Ende gesehen hat, gilt es ihm weiteren Content des Kanals vorzuschlagen, damit er nicht zu anderen Videoproducern abgleitet wird. Die Interaktionen auf der Plattform YouTube sind jedoch nur ein Teil der Interaktionspalette: Dank Social Networks wie Facebook, Twitter, Google+ und Instagram, gilt es auch hier, den Benutzer zu mobilisieren, dem YouTuber zu folgen, damit ein weiterer Kanal zur Verbreitung zukünftigen Contents geschaffen wird.

Wie Zuschauer zur Interaktion gebracht werden

Diese Vielzahl an Interaktionsmöglichkeiten gilt es, an den Mann beziehungsweise an die Frau zu bringen. YouTubern wurde dies mit dem YouTube Creator Playbook als gute Möglichkeit zur Reichweitensteigerung vorgeschlagen.

Was anfangs nur eine nette gelegentliche Bitte um „Like und Favo“ war, ist heutzutage ein Konzept: Fast alle größeren YouTube Kanäle haben momentan Endcards, auf denen die Aufforderungen zur Interaktion jedes Video aufs Neue dem Zuschauer nahegelegt wird. Da gilt es natürlich, dies jedes Mal in eine leicht abgewandelten Form zu verpacken, damit der Nutzer davon nicht gelangweilt wird. Wie inzwischen allgemein im YouTube Creator Bereich bekannt, steigt die Abschaltquote mit Beginn der Endcard rasant. Zugegeben: Wer möchte sich schon bei jedem Video dasselbe anhören?

Neue Methodiken den Zuschauer zur Interaktion zu bewegen

Das neue Ziel ist es folglich, andere Formen zu finden, wie die Call-to-Action Items in den Videos untergebracht werden können. Die naheliegendste Variante ist es, den Zuschauer bereits mitten im Video zur Interaktion aufzufordern, sodass er nicht wegklickt, da er den folgenden Inhalt noch sehen möchte. Das Risiko dabei ist aber, dass der Zuschauer zwar interagiert, aber trotzdem gerade dadurch von dem Video abgelenkt wird und damit die wichtige Abschaltquote steigen lässt.

Eine weitere Möglichkeit ist es, die Endcard nicht mehr in einer eigenen Sequenz an das Ende des Videos zu hängen, sondern direkt in die letzte Szene einzubauen. Aus dem gespielten oder erzählten Inhalt heraus muss dabei die Aufforderung zur Interaktion gegeben werden und grafische Elemente der Endcard für Link zu beispielsweise Social Networks in das Bild animiert werden.

Ich würde diese Art als Embedded Endcard bezeichnen. Die Aufmerksamkeitsspanne ist bis zum Abschalten jedoch auch bei dieser Art der Endcard nicht lange, weshalb die durch den Wegfall des Übergangs zur klassischen Endcard gewonnenen Sekunden genutzt werden sollten, die eigene Botschaft an den Zuschauer zu bringen.

Die Folge der Interaktionshölle

Ich persönlich bin erst seit wenigen Monaten als Creator auf YouTube aktiv, blogge aber seit drei Jahren, insbesondere über Linux und Softwareentwicklung. Würde ich versuchen, meine Leser zu einer solchen Fülle von Interaktionen regelrecht zu drängen, wage ich zu behaupten, würden viele dies als eine Art Interaktionshölle beschreiben und nicht mehr lange meine Leser sein. Meiner Meinung nach zu Recht.

Ich bin der Ansicht, dass die Fülle an Interaktionen, die versucht wird, dem Zuschauer schmackhaft zu reden, diesen, was auch die Abschaltquoten der Endcard belegen, abstumpfen lässt, was zur Folge hat, dass die Zuschauer in der Summe meist nur noch interagieren, wenn sie geschickt dazu aufgefordert werden – oder sie interagieren nicht mehr. Übrig bleiben folglich Kommentare wie „Erster“ oder Hater und Trolle, die aus dritten Gründen einen Kommentar schreiben und damit die Möglichkeiten zur Interaktion nutzen.

In den vergangenen Wochen habe ich mehrfach Stimmen von YouTubern gehört, die die Kommentarkultur unter ihren Videos als äußerst negativ und nur noch wenig Mehrwertbringend sehen. Aber war dies nicht das, was YouTube ausmacht?

Wie es mit YouTube Deutschland weitergeht

In den vergangenen Wochen konnte ich auf YouTube, neben der vermehrten Umstellung auf Embedded Endcards, bei einzelnen YouTubern die Streichung der Endcard beobachten. Selbst wenn ich in meinem Videoformat die Endcard noch nicht gestrichen habe, denke ich, wird dies mittelfristig sinnvoll sein.

Ich versuche momentan, die Endcard langsam auf die Fokussierung einer Interaktion umzustellen, da die Interaktion meiner Meinung nach nicht gänzlich entfallen darf, jedoch den Zuschauer auch nicht überrollen sollte. Angesichts der Abstumpfung, wage ich zu bezweifeln, dass viele durch Netzwerke beratene Channels einen solchen Schritt schnell vollziehen werden, denn ohne Aufforderung bleibt momentan die Nicht-Interaktion – anstatt einer inzwischen quantitativ wie qualitativ geringen Interaktion.

Unser Gastautor Jan Karres schreibt einen gleichnamigen eigenen Blog und ist auf YouTube mit dem Kanal SoBehindert vertreten.

Beitragsbild: Maurice Kontz (Broadmark auf Flickr)