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Nur ein Trend? Sexismus auf YouTube

YouTube ist definitiv das ultimative Eldorado für Bewegtbild-Enthusiasten. Kaum ein Video-Genre, das dort nicht zu finden ist. Na gut, bis auf Pornografie vielleicht. Trotzdem kommt das Thema Sex nicht zu kurz.

Bei dem Start 2005 hatten die Gründer die Hoffnung, dass junge kreative Leute die Plattform nutzen würden, um sich künstlerisch auszuleben. So entstanden Kanäle, wie beispielsweise  ColdMirror, der sich durch eine eigenwillige Art von Humor definiert. Und trotz einer beachtlichen Zahl von fast 900.000 Abonnenten den ursprünglichen Gedanken des Independent-Video behalten konnte. Eine große Mehrheit der Top-Kanäle hat dagegen eine starke Kommerzialisierung erfahren und ihre Inhalte an dem Massengeschmack ausgerichtet. Oder zumindest an das, was sie unter Massengeschmack verstehen.

Sex sells

Um eine möglichst hohe Reichweite zu erzielen, müssen die Inhalte kurzweilig, leicht und einfach verständlich sein. Deshalb bedienen sich die Produzenten simpler und stark formalisierter Darstellungsweisen. Ganz besonders einfach: Geschlechterrollen. Frauen machen Beauty, Jungs dagegen Let’s Plays. Die Vorstellung wie Männer und Frauen sind, beziehungsweise wie sie sein sollen, ist in der Gesellschaft tief verwurzelt. YouTube spiegelt diese Tatsache nur wieder – so sieht es auf den ersten Blick aus.

Wie wichtig YouTube für junge Menschen ist, zeigen auch Studien: Ganze 92 Prozent der 14- bis 19-jährigen nutzen YouTube. Laut der JIM-Studie 2016 des Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest nennen sogar 64 Prozent der Internetnutzer zwischen 12 und 19 Jahren spontan die Videoplattform als ihr liebstes Internetangebot. Für diese Altersgruppe sind die Videos nicht einfach nur ein netter Zeitvertreib, sondern ihre Macher sind echte Idole, wie der große Bruder oder die große Schwester. Sie blicken zu ihnen auf und identifizieren sich mit ihnen. Nicht zuletzt sind YouTuber auch deshalb so erfolgreich und als sogenannte Influencer von zunehmender Relevanz, weil sie über die sozialen Netzwerke eine vermeintliche „Nähe“ zu ihren Fans aufbauen, die es so bei “klassischen” Prominenten aus Film, Funk und Fernsehen bis jetzt nur in Ansätzen gegeben hat.

Sexuell freizügiger Content, wie er auch teilweise in der Werbung zum Einsatz kommt, findet sich ebenso auf YouTube. Dabei sind es hauptsächlich Frauen, die ihren Körper gezielt einsetzen. YouTuberinnen wie Katja Krasavice, Lucy Cat, Mia C und Lexy Roxx bilden mit ihren durchaus expliziten Videobeschreibungen und geschickt ausgewählten Thumbnails sicherlich die Spitze des Eisbergs. Aber auch harmlose Inhalte werden mit solchen Thumbnails gekennzeichnet. “Wenn ich mir anschaue, was YouTuber produzieren, die sagen, sie machen das bessere Fernsehen, dann muss ich ihnen sagen: Deine Inhalte würde RTL II nicht mal mit Handschuhen anfassen“, konstatierte die YouTuberin und Produzentin Marie Meimberg schon 2016 in einem Artikel des SPIEGEL.

Ein Blick in die Statistik des Kanals Katja Krasavice zeigt, dass diese Art von Inhalten durchaus beim Publikum ankommen. So wächst der Kanal laut Social Blade jeden Monat um zehntausende Abonnenten und holt Millionen Views. Auch andere YouTuber profitieren von der vereinfachten Darstellung von Rollenbildern. In den unzähligen Vlogs treten die jungen Frauen zwar selbstbewusst und sich selbstverwirklichend auf, betonen aber bei genauerer Betrachtung häufig nur das Streben nach Schönheit, um in letzter Konsequenz begehrenswert zu sein. Auf den diversen anderen Social-Media-Plattformen wie Instagram und Facebook finden sich inhaltlich ähnliche Angebote, beziehungsweise werden dort fortgesetzt, wie das Beispiel der YouTuberin Bianca „Bibi“ Heinicke zeigt. In ihren Videos ist eine perfekte Beziehung zu ihrem Freund Julian “Julienco” Claßen zu sehen, die mit Instagram-Bildern von gemeinsamen Urlauben unterstützt werden. Selbst die sexualisierte Pose in engen Hotpants in Kombination mit der zupackenden Hand unter der Hose am Hintern erzeugte trotz eines überwiegend negativen Echos fast 255.000 Likes und 35.000 Kommentare.

Sexueller Content und rechtliche Regelungen

Für den Umgang mit bedenklichen Inhalten für Jugendliche gibt es in Deutschland eindeutige rechtliche Regelungen. Im Bereich der traditionellen privaten Radio- und Fernsehprogramme, sowie für Telemedien ist die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) als bundesweites Aufsichtsorgan der Landesmedienanstalten der einzelnen Bundesländer verantwortlich. Die KJM prüft und bewertet mögliche Verstöße gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrages (JMStV) und beschließt entsprechende Maßnahmen, die dann von den Landesmedienanstalten umgesetzt werden. Der JMStV selbst dient dem Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Angeboten in Rundfunk und Telemedien zu denen auch YouTube gezählt wird, die deren Entwicklung oder Erziehung beeinträchtigen oder gefährden würde. Für Webseiten ohne journalistisch-redaktionell gestaltete Angebote gilt eine Eigenverantwortlichkeit des Dienstanbieters. Der Gesetzgeber verlässt sich folglich darauf, dass die Betreiber der Webseiten selbst aktiv Videos mit jugendgefährdenden Inhalten sperren, oder nur mit einer Altersbeschränkung freigeben.

YouTube praktiziert, wie die meisten anderen Social-Media-Plattformen, das sogenannte “Notice and Takedown” Verfahren. Jeder Produzent haftet selbst für seine hochgeladenen Inhalte. Die Videoplattform wird erst tätig, wenn sie über einen möglicherweise regelwidrigen Verstoß informiert werden (den sog. “notice”). Es folgt eine Überprüfung und gegebenenfalls auch die Löschung. Um einer solchen Meldung zuvorzukommen, findet sich in den Jugendschutzrichtlinien des Unternehmens der folgende Absatz über den Upload von Videos:

Würdest du deine Aufnahme oder deinen Beitrag deiner Oma, deinem Chef, deinem zukünftigen Auftraggeber, deinen Eltern oder deinen zukünftigen Schwiegerleuten zeigen? Wenn nicht, ist es wahrscheinlich keine gute Idee, die Aufnahme zu posten.“

Die sogenannte „Oma-Regel“ bietet aber keinen Schutz. Folglich wird in einem weiteren Absatz über zulässige und unzulässige Inhalte nochmals der Umgang mit Nacktheit in Videos genauer erläutert:

Ein Video das nackte, oder pornografische Inhalte zeigt, kann zulässig sein wenn es primär pädagogischen, dokumentarischen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Zwecken dient und nicht unnötig grausam ist.

Diese Regel bietet einiges an Ermessensspielraum. Der Verweis auf künstlerische Zwecke ist dabei von besonderem Interesse. Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit lässt sich bekanntlich nahezu alles legitimieren, wie beispielsweise die Ausübung des Hitlergruß. Zusätzlich gibt es eine Reihe von weiteren Faktoren, die bei der Altersbeschränkung eines Videos berücksichtigt werden:

  • Darstellung von Brüsten als Video-Schwerpunkt
  • Sexuelle Handlungen andeutende Szenerien
  • Vulgäre oder anzügliche Sprache
  • Unangemessene knappe Bekleidung

Unweigerlich ergibt sich die Frage, warum viele Videos nicht gesperrt werden. YouTube setzt dabei auf die Community und versuchte mit dem Launch von YouTube Heroes im Herbst 2016 ein Instrument zu etablieren, in dem die User dazu angeregt werden, fragwürdige Inhalte zu melden. Dieser Ansatz kam allerdings bei der Community nicht gut an und YouTube stellte das Programm wieder ein. Als Nachfolger wurde YouTube Contributors ins Leben gerufen, das sich zurzeit noch in einer Testphase befindet.

Darüber hinaus gibt es in Deutschland noch weitere Möglichkeiten rechtswidrige Inhalte zu melden. Bei jugendschutz.net, dem gemeinsamen Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Jugendschutz im Internet, können beispielsweise Inhalte gemeldet werden, die wiederum von der KJM geprüft und bei Verstößen auch mit Strafen, wie Ordnungsgeldern usw. geahndet werden. Zudem recherchiert jugendschutz.net auch selbst und sucht nach potentiellen Gefährdungen. Auch bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM e. V.) kann eine Beschwerde eingereicht werden.

Alles – außer Sex?

YouTube hat sicherlich einige Probleme: Von der Kommerzialisierung bis hin zu Geschlechterklischees. Allerdings sind diese Probleme nicht nur exklusiv bei YouTube zu finden, denn YouTube ist als ein Spiegel der Gesellschaft zu verstehen. So wie im Fernsehen die Quote für den Erfolg eines Senders verantwortlich ist, so zählen auf YouTube die Aufrufe. Und in einer Zeit in der von einer “pornification of everything” gesprochen werden kann, muss die beschriebene Entwicklung der Inhalte als ein aktueller Trend aufgefasst werden. Die grundsätzliche Pflicht zur Kennzeichnung solcher fragwürdiger Inhalte besteht nach wie vor nicht. Viele Plattformen wie Facebook und YouTube haben sich freiwillig für eine Altersbegrenzung von 13 Jahren entschieden. Dieses Alter wird indirekt durch den US Children’s Online Privacy Protection Act (COPPA) festgelegt, der das Speichern persönlicher Daten von Kindern untersagt. Ist man jünger, darf folglich die Plattform nicht genutzt werden. Eine wirkliche Überprüfung findet aber in der Regel nicht statt, was für die Zukunft bedeutet, dass die Plattformen sich für eine strikte Überprüfung ihrer Nutzer einsetzen sollten. Im Pay-TV und auf großen Video-on-Demand-Plattformen wie Netflix oder Amazon Video, Online-Shops wie Ebay oder Amazon wird dies bereits erfolgreich praktiziert. Ohne eine Altersbestätigung, durch zum Beispiel den Personalausweis, können bestimmte Dienste oder Filme nicht genutzt werden. Zugleich ist es die Aufgabe der Videoproduzenten und der mit ihnen werbenden Unternehmen, offene Kritik an diesem Trend zu äußern und Alternativen anzubieten.

Der ehemalige GIGA-Moderator und heutige YouTuber David Hain ermahnte erst im letzten Jahr mit dem Video „Youtube – Eine BeSCHANDsaufnahme“, dass die Entwicklung von der kreativen Plattform zu einem Instrument das den Gesetzen der Werbung folgt, so nicht mehr fortgesetzt werden dürfe. Und im Januar 2017 veröffentlichte er zusammen mit HandofBlood einen Aufruf für einen respektvollen Umgang im Internet. Auch der YouTuber Flo setzt sich in seinen Videos immer wieder kritisch mit dem Thema Sexismus auseinander. Ein weiteres positives Beispiel für den unaufgeregten Umgang mit Sexualität ist der deutsche Kanal 61MinutenSex. Hier sprechen Jan Omland und sein Team über die unterschiedlichen Facetten des Liebeslebens im pädagogischen Stil eines Dr. Sommer.

YouTube kann und muss mehr als Geschlechterklischees und Produktwerbung sein

YouTube kann und muss mehr als ein Medium sein kann, das von Geschlechterklischees und Produktwerbung lebt. Das immer häufiger erzeugte Trash-Image führt mittlerweile dazu, dass die notwendigen kreativen Videomacher aus Deutschland sich nicht mehr auf der Plattform finden. Der Begriff des “YouTubers” scheint als einfallslos und profitorientiert wahrgenommen zu werden. Die Gewinner des „Best Video of the Year“-Preises des deutschen Webvideopreises 2016, Shawn Bu & Vi-Dan Tran, formulierten es treffend: „Wir sehen uns nicht als YouTuber. Wir sehen uns als Filmemacher.“ In diesem Sinne sollten sich die Creator der Frage stellen, ob der Weg den sie bereit waren zu gehen, sie nicht von der Avantgarde ins Abseits geführt hat und ob nicht die Zukunft im Bereich Webvideo in einer anderen Richtung liegt.