Interview Frauen und Gaming

„Raus aus der Videospiel-Komfortzone“ – Frauen und Gaming: Veylt im Interview

„Geh doch zurück in die Küche!“ Die meisten Streamerinnen haben diesen Satz so oder so ähnlich schon in ihren Chats lesen müssen. Dabei wünschen sich die meisten Akzeptanz, aber nicht nur als weibliche Spielerin. Auch sie möchten gute Zuschauerzahlen aufgrund ihres Spielstils oder ihres Unterhaltungswerts erreichen.

Über dieses Problem, aber auch über andere Themen, mit denen Streamerinnen konfrontiert werden, haben wir mit Veylt gesprochen. Sie streamt seit November 2015 auf verschiedenen Accounts und zeigte ihr Können bereits in Spielen wie League of Legends, CS:CO, Don’t Starve oder Mario Kart 8, aktuell auch im IRL-Bereich auf Twitch.

Broadmark: Klischees über Streamerinnen und YouTuberinnen gibt es viele. Sie spielen schlecht, zeigen sich sehr freizügig, haben nur männliche Zuschauer. Wurdest du schon mit solchen Klischees konfrontiert, zum Beispiel in den YouTube-Kommentaren oder im Twitch- Chat?

Veylt: Das einzige Klischee, mit dem ich zwar nicht wirklich konfrontiert werde, aber welches trotzdem zutrifft, ist das der männlichen Zuschauer. Meine Zuschauer sind zwar nicht ausschließlich männlich, aber größtenteils. Auf YouTube ist meine Zuschauerschaft beispielsweise zu 80 Prozent männlich und „nur“ zu 20 Prozent weiblich. Das hat mich ehrlich gesagt ein wenig überrascht, was daran liegt, dass die wenigen weiblichen Zuschauer, die ich habe, auf allen Plattformen sehr aktiv sind. Wenn ich also bei Twitch beispielsweise 100 Zuschauer habe, sind davon zwar nur 20 weiblich, aber alle 20 sind im Chat total präsent. Wenn ich mir keine Statistiken angesehen hätte, wäre ich nie davon ausgegangen, dass dieses Klischee auf mich zutrifft.

Aber dass es zutrifft, ist mir gleich. Es wäre mir auch gleich, wenn es nicht zuträfe. Alle meine Zuschauer sind cool, unabhängig vom Geschlecht. Ich glaube aber, dass alle Gaming-Streamer und -YouTuber überwiegend männliche Zuschauer haben, sowohl mein Freund und meine männlichen Freunde, die ebenfalls streamen, als auch ich. Ich denke also nicht, dass sich meine männliche Zuschauerschaft dadurch erklären lässt, dass ich eine Frau bin, sondern eher dadurch, dass sich aktuell noch mehr Männer als Frauen für Videospiele an sich interessieren. Über die Gründe dafür könnte ich ewig diskutieren.

Die anderen Klischees versuche ich mit Humor zu kontern. Wenn jemand zum Beispiel in den Chat kommt und mich fragt, ob ich meine Brüste zeigen kann, was tatsächlich nur sehr selten passiert, sage ich immer nur: „Würde ich sofort machen, wenn ich welche hätte!“ Ich nehme diese ganzen Klischees nicht ernst, kann ich auch gar nicht.

Broadmark: Nimmst du bei dir speziell einen Unterschied wahr zwischen den Kommentaren auf Twitch und YouTube?

Veylt: Überhaupt nicht. Ich habe mit meinen Zuschauern sehr viel Glück und kriege sowohl auf Twitch als auch auf YouTube überwiegend positives Feedback oder konstruktive Kritik. Wenn jemand direkt beleidigend wird, banne ich diese Person sofort. Purem Hass möchte ich keine Plattform geben.

Broadmark: Wie sieht deine Einschätzung aus: Sind Frauen im Gaming-Bereich auf Twitch und YouTube immer noch eine Randgruppe?

Veylt: Ich denke schon. Ich glaube, dass diese Artikelreihe das auch bestätigt. Ich habe zum Beispiel noch nie ein Interview über „Männer und Gaming“ gelesen, schlicht und ergreifend deswegen, weil Männer diese Szene nach wie vor dominieren. Auf YouTube ist das meiner Meinung nach noch deutlicher zu erkennen als auf Twitch. Mir würden auf Anhieb dutzende männliche Let’s Player und Gaming-YouTuber einfallen, während ich die weiblichen an meiner Hand abzählen könnte.

Auf Twitch hatte ich allerdings kurzzeitig das Gefühl, dass die Plattform mehr weiblichen Zuwachs bekommt, das war Anfang 2016. Besonders bei sehr beliebten Spielen wie League of Legends, CS:GO, Dota 2 etc. habe ich immer mehr weibliche Gesichter gesehen. Wenn ich mir diese Spiele heute anschaue, sind von den Top 10 Streamern, die die meisten Zuschauer haben, 4-5 weiblich. Das Verhältnis auf Twitch wirkt mittlerweile ausgeglichen.

Broadmark: Hätte es deiner Meinung nach Vorteile oder Nachteile, sich selbst als Randgruppe zu sehen?

Veylt: Ich halte dieses Randgruppen-Denken für kontraproduktiv. So wird die Gaming-Szene immer in männlich und weiblich unterteilt bleiben, was ich schade und vor allem auch sinnlos finde. Das gilt für alle Szenen, egal von welchem Geschlecht sie dominiert werden. Immerhin haben ja alle in der jeweiligen Szene dasselbe Interesse — in diesem Fall sind es Videospiele. Wieso sollte man da in Mann und Frau unterteilen und irgendwelche Klischees schüren, anstatt einfach das Interesse und den Spaß miteinander zu teilen?

Broadmark: “Ein Mädchen, das spielt.. Voll krass”. Was wäre deine beste Antwort auf diesen oft gehörten Satz?

Veylt: Ich habe diesen Satz tatsächlich schon ein paarmal zu hören bekommen, und jedes Mal antworte ich mit der Frage: „Was ist daran krass?“, weil ich persönlich keine Antwort darauf habe. Ich kenne so viele Frauen, die ebenfalls Interesse am Zocken haben, es ist eigentlich wirklich nichts Besonderes. Das merkt der Zuschauer, der diese Bemerkung gemacht hat, meistens auch, weil er merkt, dass er auf meine Frage keine Antwort hat.

Broadmark: Wie setzen sich deine Zuschauer zusammen, ist der Anteil männlicher Zuschauer größer? Nimmst du Unterschiede der Zuschauerschaft auf Grund verschiedener Spiele wahr, zum Beispiel CS:GO als Männerdomizil?

Veylt: Ich habe zwar eine Zuschauerschaft, die größtenteils männlich ist, was sich aber in der Interaktion, die ich mit ihr habe, nicht bemerkbar macht. Früher habe ich große Unterschiede bei bestimmten Spielen gemerkt. Als ich mit dem Streamen angefangen habe, habe ich ausschließlich League of Legends gespielt. Da kamen dann öfter diese klassischen Bemerkungen wie: „Haha, Frauen und Videospiele, geh lieber zurück in die Küche“, wenn ich beispielsweise im Spiel getötet wurde oder misplayed habe. Ich denke aber nicht, dass bei solchen Kommentaren wichtig ist, ob der Zuschauer männlich ist. Solche Kommentare kommen eher von Leuten, die noch sehr jung sind und sich durch die Anonymität im Internet stärker fühlen.

Ich glaube, bei manchen Spielen ist das Problem, dass sie auf einem kompetitiven Level gespielt werden und dass manche Menschen dann automatisch davon ausgehen, dass jeder, der dieses Spiel spielt, zockt, um besser zu werden, anstatt einfach Spaß zu haben. Ich hatte allerdings auch viele männliche Zuschauer bei LoL, die immer sehr nett und tolerant waren und mir Tipps gegeben haben, wie ich besser werden kann. Es gibt halt solche und solche. Heute spiele ich worauf ich Lust habe und keiner meiner Zuschauer beschwert sich, wenn ich mal einen Fehler machen sollte. Wir lachen dann alle gemeinsam darüber und anschließend geht es weiter.

Broadmark: Woran liegt deiner Meinung nach die dramatische Unterrepräsentierung von Frauen im professionellen eSport-Bereich, sowohl bei den Spielern selbst als auch im Kommentator-Bereich? Gerade bei Spielen wie LoL, Dota, CS:GO oder StarCraft?

Veylt: Ich könnte mir vorstellen, dass das daran liegt, dass viele Frauen bisher Spätzünder waren, was Videospiele angeht. Im Vergleich zu Jungs sind wahrscheinlich viel weniger Mädchen mit Videospielen aufgewachsen. Die waren nicht so ein starker Bestandteil ihres Lebens, wie bei vielen Jungs. Wenn man sich die heutigen eSports-Titel anschaut, erkennt man, dass viele von diesen schon jahrelang existieren und sich inhaltlich stetig verändern.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wenn man da nicht von Anfang an am Ball bleibt und es sehr schwer wird, im eSport-Bereich eine Karriere zu beginnen. Deswegen wählen viele andere den anderen Zweig — nämlich den im Entertainment-Bereich. Ich für meinen Teil interessiere mich nicht für die eSport-Szene, weil mir dieser kompetitive Faktor absolut nicht zusagt. Ich hab mich mal dran versucht, war am Ende aber nur frustriert. Und solche Gefühle will ich beim Spielen nicht bekommen. Bei mir ist immer der Spaß im Vordergrund. Zudem braucht man, um in einem Spiel besser zu werden viel Zeit und Geduld — und das habe ich beides meistens nicht. (lacht)

Broadmark: Bei Spielen wie League of Legends oder Dota fällt auf, dass Frauen öfter die Support-Rolle übernehmen als Männer. Woran könnte das deiner Meinung nach liegen?

Veylt: Tatsächlich gehörte ich auch zu den Frauen, die die Support-Rolle gespielt haben. Angefangen hat das allerdings nicht freiwillig. Als ich 2013 angefangen habe, League of Legends zu spielen, habe ich mich durch alle Rollen durchprobiert und bin dann eine ganze Weile beim AD-Carry geblieben. Irgendwann ist das Spiel dann in der Schule bekannt geworden, alle haben ihre Ingame-Namen ausgetauscht und man hat sich zu Hause zum Spielen verabredet. Man war zu fünft in einer Lobby und es wurde besprochen, wer auf welche Position geht. Ich war da immer sehr zurückhaltend und hab mich angepasst — und wurde jedes Mal in die Support-Rolle gedrängt, da alle anderen immer vergeben waren. So hat das damals angefangen.

Ich glaube, viele Leute, die jetzt Main-Support sind, kennen diese Situation. Irgendwann hab ich mich dann daran gewöhnt und sogar immer mehr Spaß dabei gehabt, meine damaligen Kumpel zu unterstützen.
Ich hab aber auch schon andere Stories von meinen weiblichen Freunden gehört. Viele haben mir erzählt, dass sie einfach gerne diese „Mutter“-Rolle spielen, in der sie ihre Mitspieler unterstützen und heilen. Des Weiteren mögen sie es, dass die meisten Support-Charaktere Fähigkeiten mit Range haben, weil sie dadurch ein Gefühl von Kontrolle, Distanz und somit Sicherheit bekommen.

Ich habe das Gefühl, dass diese klassischen Geschlechterrollen bei Videospielen teilweise noch sehr präsent sind, insbesondere bei Spielen, in denen bestimmte Rollen eingenommen werden: Jungs schnappen sich die Hau-Drauf-Charaktere und Mädchen nehmen die Rollen, die noch übrig bleiben, um ein vollständiges Team bilden zu können. Allerdings sehe ich langsam immer mehr Leute, die sich von diesen Klischees lösen und auch ich arbeite daran, mich aus meiner Videospiel-Komfortzone zu bewegen.

Broadmark: Inzwischen gibt es ja doch schon einige weibliche YouTuberinnen, dennoch gibt es bei den wenigsten Großprojekten, wie zum Beispiel VARO oder Craft Attack, eine hohe Zahl weiblicher Teilnehmerinnen. Liegt das am fehlenden Interesse? Oder der fehlenden Berücksichtigung durch die männlichen Kollegen?

Veylt: Ich denke, das liegt am fehlenden Interesse an den bis jetzt existierenden Großprojekten. Es gibt ja nur eine Handvoll erfolgreiche weibliche Gaming-YouTuberinnen und meines Wissenstandes nach macht keine von ihnen Minecraft-Content, also zumindest nicht in dem Rahmen, wie viele bekannte Gaming-YouTuber das machen, sprich mit vielen Mini-Spielen und kleinen Projekten. Außerhalb dieses Spieles habe ich tatsächlich noch kein anderes YouTube-Großprojekt im Gaming-Bereich gesehen. Von daher denke ich, dass sowohl in naher als auch ferner Zukunft keine weiblichen YouTuberinnen an solchen Projekten teilnehmen werden, wenn sich nicht die Spiele ändern beziehungsweise das Spiel ändert.

Broadmark: Was sind Entwicklungen im Gaming-Bereich, die im Bezug auf Frauen noch weiter gefördert werden müssen? Was würdest du dir speziell wünschen, um in der Szene stärker wahrgenommen zu werden?

Veylt: Es geht gar nicht mehr darum, dass man wahrgenommen wird sondern wie man wahrgenommen wird. Allein die ganzen Klischees oder Interviews über „Frauen und Gaming“ unterstreichen, dass Frauen immer noch in einer Sonderposition sind, die ich nicht gerechtfertigt finde. Mittlerweile ist es einfach nichts Neues mehr, wenn eine Frau Videospiele spielt. Generell fand ich diese Mentalität, dass das etwas Besonderes sei, nie nachvollziehbar. Wir sind doch einfach nur Menschen eines anderen Geschlechts, die Spaß am Spielen haben. Ich wurde mir wünschen, dass das in der Szene nicht immer so unnötig verkompliziert wird, es gibt meiner Meinung nach schlichtweg keinen Grund dafür. Ich denke die ganze Szene wäre um einiges friedlicher und entspannter, wenn man diese Mentalität ablegen wurde. Man will nämlich gar nicht stärker wahrgenommen werden — sondern einfach wie ein normaler Mensch.

Broadmark: Vielen Dank für die spannenden Antworten!

In den nächsten Wochen geht es weiter mit unserer Artikelreihe. Wenn ihr Fragen habt oder eure Meinung zu dem Thema kundtun wollt, schreibt uns doch gerne Kommentare.

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