90-9-1-Prozent-Phänomen

Communityinteraktion – Das 90-9-1-Prozent-Phänomen

Millionen von Zuschauern schauen täglich YouTube-Videos, doch nur ein Bruchteil interagiert, oder kommentiert die Videos. Wir erklären euch heute das 90-9-1-Prozent-Phänomen.

Ende des 19. Jahrhunderts geboren war Vilfredo Federico Pareto der Begründer der Wohlfahrtsökonomik und machte sich besonders in der Wahrscheinlichkeitsrechnung einen Namen. So ist die 80-zu-20-Regel unter dem Namen Pareto-Prinzip nach ihm benannt. Das Prinzip besagt, dass mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes schon 80 Prozent der Leistung erbracht werden können oder 20 Prozent der Teile eines Produktes 80 Prozent der Kosten verursachen. Der Umkehrschluss gilt natürlich auch.

Die Ein-Prozent-Regel

Die Regel kann etwas abgewandelt auch für Online-Communities angewandt werden. Dort sagt die Theorie, dass 90 Prozent stets nur stille Beobachter sind, neun Prozent Akteure und ein Prozent Autoren. Für die Blogosphäre soll das Verhältnis sogar bei 95-5-0.1 liegen.

Für Webvideo würde das heißen, dass ein Prozent der Nutzer den überwiegenden Teil der Inhalte produziert. Das bedeutet, alle Videos auf YouTube werden von nur einem Prozent der YouTube-Nutzer produziert.

Wenige Leute haben eine Menge zu sagen. Einige haben etwas zu sagen. Viele haben nichts zu sagen.

Allerdings kann die Regel auf YouTube auch noch anders angewandt werden. Auf einzelne Videos bezogen sind 90 Prozent nur stille Zuschauer oder Nutznießer der Videos, die diese zwar regelmäßig gucken, aber keine Interaktion zeigen. Neun Prozent hingegen zeigen Interaktionen, liken Videos oder teilen diese auch in sozialen Netzwerken. Das verbleibende Prozent schließlich trägt aktiv zur Community bei und verfasst Kommentare.

Ein Tortendiagramm zum 90-9-1-Prozent-Phänomen in der Theorie.

90-9-1-Prozent-Phänomen in der Theorie

Die Theorie, wie im Diagramm dargestellt, ist natürlich nur ein Näherungswert und sicher auch nicht internetspezifisch. Nur kann sie dort durch messbare Klickzahlen leicht belegt werden. Für eine gesteigerte Interaktion stellen YouTuber oft gezielte Fragen oder fordern zum Schreiben von Kommentaren auf. Auch durch die Beseitigung von Hürden, wie die Anmeldepflicht mit einem Google-Konto zum Kommentieren, könnte die Interaktion gefördert werden.

Der Beweis

Dass die Regel tatsächlich nicht aus der Luft gegriffen zu sein scheint, zeigt folgende Stichprobe. So haben wir die Videos „Let’s Draw – Andre schneidet Glatze“ von ApeCrime, den Vlog vom Webvideopreis von Unge, das Eine-Million-Abonnenten-Special von Julien Bam und die Folge LeNews „Leute verprügeln! Endlich legal und im Fernsehen!” von LeFloid untersucht. (Alle Zahlen Stand: 2. Juli 2015)

Zwei Tortendiagramm zur Verteilung der Interaktion bei ApeCrime und Unge

Verteilung der Interaktion bei ApeCrime und Unge

Dabei ist zu erkennen, dass sich ApeCrime und Unge sehr dicht an der Näherung halten. So liegen die Apes mit ihrem Let’s Draw bei einer Verteilung von 995 843 Views, 78 201 Daumen und rund 2000 Kommentaren gerade bei den Interakteuren über dem Durchschnitt der Blogosphäre aber unter der 90-9-1-Prozent-Regel. Im Vergleich dazu hat Unge mit seinem Vlog 861 778 Views, rund 49 000 Daumen und 3 581 Kommentare. Seine Community scheint demnach zwar weniger Interakteure, aber mehr Autoren zu haben.

Zwei Tortendiagramm zur Verteilung der Interaktion bei Julien Bam und LeFloid

Verteilung der Interaktion bei Julien Bam und LeFloid

Dass es jedoch auch Abweichungen von der Regel geben kann, zeigen Ju und LeFloid. So beweist Ju mit seinem Abospecial, dass besondere Videos auch überdurchschnittliche Interaktionen hervorrufen. Sowohl Kommentare als auch Daumen wurden für dieses Video weit überdurchschnittlich gegeben. Bei 667 263 Views gab es 119 524 Daumen, davon über 119 000 positiv und 7 933 Kommentare. Überraschend dagegen zeigt sich LeNews. Wird LeFloid eine starke Community nachgesagt, so weicht er doch am weitesten von der Theorie ab. Zwar sind 5 690 Kommentare bei 1 010 056 Views mehr als der Durchschnitt von Unge und ApeCrime, 7 782 Likes beziehungsweise Dislikes jedoch vergleichsweise sehr gering.

Selbstverständlich entsprechen die Zahlen nicht den Unique Viewers und auch Kommentare können mehrfach von der gleichen Person geschrieben werden. Weiterhin wurden im Rahmen dieses Artikels lediglich Stichproben betrachtet. Nichtsdestotrotz scheint das 90-9-1-Prozent-Phänomen sich auch auf die YouTube-Community anwenden zu lassen, wie unsere Ergebnisse vermuten lassen.

Beitragsbild von Christopher Allen (CC BY 2.0)