Beitragsbild Kolumne Isabel

Re: Isabel und die Entdeckung der Webvideowelt

Webvideo vs. TV: Nach der Kolumne des 17-jährigen Digital Natives Jona Kirchen schreibt die 30-jährige Redakteurin Isabel Krämer, wie sie YouTube und die Webvideowelt mit 29 entdeckte — und wie diese nun zu einem festen Bestandteil ihres Konsums wurde. 

Ich lebe nicht auf dem Land.

Zumindest schon lange nicht mehr: Ich lebe in einer der größten Städte Deutschlands, Hamburg, das Tor zur Welt. Hier bieten sich haufenweise Möglichkeiten, kulturelle Interessen zu pflegen.

Konzerte, Ausstellungen, Theater, alles. Ich mach da mit. Versuche, mich zu bilden. Zeitunglesen schaffe ich viel zu selten, im Sommer lege ich mich mit Glück in den Stadtpark und lese ein Buch. Man denkt, in der Großstadt wäre man immer auf dem Laufenden und mitten im Geschehen. Ich studiere Deutsche Sprache und Literatur, Schwerpunkt Theater und Medien. Da heißen manche Seminare “Krankenhausserien”, „Social Media Management“, “Rausch in Literaturverfilmungen”. Klingt ganz schön absurd für ein trockenes Deutsch-Studium. Brachte mich aber immerhin irgendwohin:

Longboards, Minecraft, Sympathien 

Ich erinnere mich an meine erste bewusste Erfahrung mit der Webvideowelt noch genau. Oktober 2014: In Vorbereitung auf ein Seminar in der Uni, nein stopp, es war glaube ich Langeweile, sah ich an einem Mittwochabend Stern TV. Dort zu Gast: die mir bis dahin komplett unbekannten Simon Unge und Dner, gerade frisch von der Longboardtour zurück.

Es wurden Aufnahmen gezeigt, wie die beiden unterwegs gewesen waren mit Cheng und Ju (damals noch mit erstaunlich wenig Abos), von Fans, die die vier Jungs auf der Tour begleiteten und wie sie ihren Alltag filmten und ins Netz stellten. Auf YouTube.

Hä?

Steffen Hallaschka sprach mit ihnen über Geld, über Zuschauer und darüber, mit was sie so auf YouTube begonnen hatten. Es dämmerte mir, da war doch mal was mit diesem Gronkh. Und hatten nicht Freunde auch mal experimentell irgendwelche schrägen Impro-Videos auf die Plattform gestellt? Aber Fans? Ich war verwirrt.

Nach der Sendung schaltete ich meinen Laptop an und googelte Dner. “Suchen Sie stattdessen nach Döner?” Kanal gefunden, direkt wurde ein Video von der Longboardtour abgespielt. Ich klickte mich durch, Binge-Watching nennt man das seit ein paar Jahren. Chronologisch rückwärts erst, dann begann ich bei Unge von Anfang. Das ging ein paar Tage so. (Ich war zwischendurch natürlich in der Uni und arbeiten.) Irgendwann begann ich mir Minecraft-Videos der beiden anzusehen.

Minecraft. Hilfe. Da war was. Freunde von mir spielten mal an einem Sonntagabend auf der X-Box über den Beamer dieses Klötzchenspiel. Ich wusste noch, dass da Hühnchen Liebe machen konnten. Und ich den Kopf über sie geschüttelt hatte. Hä, und das guckten sich jetzt ernsthaft Hunderttausende Menschen auf dem Kanal von Dner / Unge / Let’s Player XY an?

Danach ging irgendwie alles sehr schnell. Ich verlor mich ein bisschen in der Plattform. Klickte mich durch Kanäle, die Cross-Promo-Maschine funktionierte. Das „Social Media“-Seminar tat sein übriges dazu, Hausarbeitsvorhaben: YouTube. Was genau wusste ich noch nicht. Ich wollte recherchieren. Am liebsten wollte ich einen Selbstversuch dokumentieren, weil ich nicht wirklich begriff, wie mich die Inhalte so fesseln konnten.

Ich schrieb mir die Stunden auf, die ich am Tag dort verbrachte. Notierte Gedanken dazu, wie die YouTube-Welt funktionierte. Distanz. Nähe. Überbrückung. Freundschaft. Authentizität. Bindung. Einsamkeit. Reinlassen. Rauslassen. Wahnsinn. Privatsphäre. Hype.

Und noch viel mehr. Marie Meimbergs Video “Ich bin nicht eure Freundin” erleichterte mich, da gab es also Leute, die das auch wahrnahmen. Jan Böhmermann kritisierte viel in meiner Lieblingssatiresendung. Irgendwas an der Kritik war aber komisch, unangenehm fast, ich entwickelte Sympathien für die Stars der Szene und seine Communities.

Ich las Artikel und Bücher, und wollte irgendwie meine Emotionen kanalisieren. Meine Freunde konnten vieles davon nicht nachvollziehen. Zum Beispiel warum ich 50 Leuten dabei zusah, wie sie in einem Sandbox-Spiel gegenseitig versuchten, sich zu töten. Warum ich mit meinen damaligen 29 Jahren nichts besseres zu tun hatte.

Ich verstand das auch nicht so richtig.

X Files

Große Liebe

Ich spule zurück:

Als ich 13 war, was ich für mich selbst jetzt mal als Durchschnittsalter der YouTube-Zuschauer festgelegt habe, war ich Fan von der Kelly Family und Akte X.

Nur ein paar Jahre zuvor hießen meine Helden noch Dr. Stefan Junginger und Martin Rombach, davor Alfred Jodocus Kwak. Der Zugriff auf all diese Idole war begrenzt. Das Internet gab es 1998 in seiner heutigen Form noch nicht mal ansatzweise, man musste also darauf hoffen, dass die Lieblingsserien gerade im Fernsehen liefen (was zum Teil nur alle Jubeljahre geschah) und dass die Eltern den gemeinsamen Familien-Fernseher auch frei gaben. Unbeschränkter Zugriff, jederzeit, undenkbar. Für alle Seiten.

Von meiner Lieblingsserie sammelte ich mit 13 mit meiner besten Freundin alles, was mir in die Finger kam. Um die Folgen zu sehen, musste ich abends lange aufbleiben. Im Nachhinein wundere ich mich, dass meine Eltern das überhaupt erlaubt haben.

Ich wollte gerne die roten Haare von Gillian Anderson haben und Fox Mulder heiraten. Wenn jemand etwas gegen meine Idole sagte, war ich wütend und eingeschnappt, es gab da für mich keine Diskussion.

Und nun zum Vergleich: Diese Stars waren in meinem Röhrenfernseher. Hunderttausende Kilometer weit weg. Kein Wunder also, dass die jungen Leute im Jetzt sich bei dem Hype um Idole kaum anders oder schlimmer verhielten, alles war ja viel greifbarer und näher. Das Smartphone direkt vor dem Gesicht, aus dem die jungen Erwachsenen mit einem sprachen, die große Schwester oder Schwarm sein konnten.

Alles geht so schnell

Ich bin also eingetaucht in Webvideo und Social Media. Begann für Broadmark zu schreiben, alles von innen sehen, am liebsten einfach mal jemanden von diesen “Stars” fragen, ob das eigentlich alles ihr Ernst war. Ich lachte zu Beginn noch über Tweef und dumme Aussagen, irgendwann wollte ich dringend mit einem Erwachsenen über Verantwortung und Reichweite reden, aber erklär‘ diese Welt mal jemandem über 30. Influencer Marketing und Reichweitenoptimierung sind Fremdwörter. Das freiwillige Aufgeben von Privatsphäre ist für einige Generationen sicherlich völlig absurd. 

Instagram, Twitter, tumblr, Peach, YouNow, Periscope, Twitch, Snapchat: Den ganzen hippen Shit hab‘ ich ausprobiert, passiv oder aktiv. Meine “erwachsenen” Freunde hängen immer noch auf Facebook und gucken vielleicht maximal YouTube-Videos, in denen erklärt wird, wie man seine Steuern macht. Wenn ich auf Geburtstagen bin, bei denen es um Erziehung, Eigenheim und erste Burn-Out-Anzeichen geht, twittere ich zynisch darüber und verschicke Snaps von spießigen Sektgläsern, wobei ich immer noch nicht verstehe, warum sich diese Bilder jemand anguckt.

Ich verstehe nach anderthalb Jahren Recherche auch immer noch nicht, wieso Menschen so viel von sich preisgeben WOLLEN, außer offensichtliche Gründe wie a) Bestätigung und b) Geld. Mir persönlich wäre das zu anstrengend. Jona Kirchen schrieb in seiner Kolumne über Bauchschmerzen. Manchmal bereitet mir die Medienwelt diese auch. Wenn ich die Szene objektiv betrachte, wünsche ich mich oft in meine Abizeit zurück, als ich im VOX-Nachmittagsprogramm Gilmore Girls und McLeods Töchter geguckt habe. Wie schön einfach es war, als ich damit zwar meine Nachmittage verschwendete, aber mehr als das lineare Programm auch gar nicht zur Verfügung stand. Keine Überforderung. Prokrastination gab es doch, als ich gerade volljährig war, im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch noch nicht. Mein erstes angesehenes Video auf YouTube? Keine Ahnung. Wo diese elf Jahre hin sind? Keine Ahnung. 

Ich habe viele Menschen kennengelernt in meiner “YouTube-Phase”, wie mein bester Freund sie nennt, der mich zwischendurch nicht mehr ernst nahm, weil er die Plattform als „unterstes geistiges Niveau“ ansieht. Die Phase ist auch noch nicht vorbei, vielmehr ist sie einfach zu einem Bestandteil meines Lebens geworden. Ich habe auf YouTube aussortiert, von über 70 Abos bin ich inzwischen nur noch bei circa 20 Kanälen mit regelmäßigem (gutem!) Content. Man entwächst vielleicht, ich habe das Teenager-YouTube-Leben einmal in kurzer Zeit durchgespielt. 

Fernseher

Webvideo vs TV

Hab’ ich jetzt ein Fazit? Weiß ich nicht. Ich wollte mal von meiner Hin- und Hergerissenheit erzählen. Vielleicht geht es ja anderen ähnlich.

Es gibt Tage, da will ich mit alldem gar nichts zu tun haben. Tweef, Beef, Lächerlichkeiten, C-Promis ohne Abschluss, unterirdisch schlechter Content, gespielte Authentizität, rote Kreise, Pranks, falsche Werte. Es gibt andere Tage, da bin ich froh, bei einem gemütlichen JumpWorld-Video von maudadoZombey  und Wintercracker oder einem Vlog von Jodie Calussi abschalten zu können. Neuerdings lache ich ständig herzlich über Fynn Kliemann, weil er so echt ist. Und über TouristHistories‚ Videos über Schuhe und Sperrmüll. Ich gucke gerne Marie Meimbergs Stammtisch, wo die Szene reflektiert wird und bei dem ich manchmal das Gefühl krieg‘, dass die Gäste dort ein ähnlich ambivalentes Verhältnis haben. Vor allem, und das merke ich immer wieder, bin ich froh, den Fernseher nicht mehr einschalten zu müssen, wenn ich mich dringend von der Uni abhalten will. Das TV-Programm stößt mich größtenteils ab, ich hätte meinen Fernseher längst abgeschafft, wenn ich ihn nicht als Monitor benutzen würde.

Ich habe Kontakte geknüpft und interessante Personen kennengelernt. Und viel über den Medienwandel erfahren – das finde ich wichtig. Auch wenn ich durch die Branche viele Freunde gefunden habe, die zum Teil Videos im Internet veröffentlichen, möchte ich darin nicht zu sehen sein. In der Uni bin ich stets die einzige, die zu YouTube etwas mit Hand und Fuß zu sagen weiß: Monetarisierung, Abozahlen, Hype. Ich ziehe also Nutzen. 

Bei Broadmark hab‘ ich angefangen, weil ich in Webvideo (nicht YouTube) die Zukunft sehe. Mein Geld verdiene ich beim Fernsehen. Das Neo Magazin Royale gucke ich abwechselnd im Zweiten Deutschen Internet und auf ZDFneo. Ich kann mich schlecht entscheiden. Muss man ja vielleicht auch nicht.

PS: Ich hab‘ meine YouTube-Hausarbeit immer noch nicht abgegeben. Mir fällt einfach kein Thema ein.

Bildquellen: Beitragsbild von Isabel Krämer, eingebundene Bilder von Flickr (bearbeitet, CC BY-SA 2.0), Pixabay

Wie ein Digital Native seinen Weg auf YouTube gefunden hat und das neue Medium Webvideo nutzt, könnt ihr hier nachlesen.




  • Peter Wilhelm

    Super Kolumne! Als Fast-Dreißiger kenne ich auch diesen leeren Blick der Freunde, wenn ich die Namen der Szene erwähne oder andere YouTube-spezifischen Themen anspreche. Großes Lob und schöne Grüße aus Altona, Peter

    • Isabel

      Lieber Peter, vielen Dank für deine herzlichen Worte! Viele Grüße aus der Hafencity, Isabel