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„Würden wir immer noch die klassischen Let’s Plays machen, wären wir jetzt wahrscheinlich dem Untergang geweiht“ – PietSmiet im Interview

Was haben PietSmiet 2016 alles erlebt? Wie beurteilen sie die aktuelle Entwicklung von YouTube-Deutschland? Und was ist für 2017 geplant? Wir haben uns hierüber mit Sep von PietSmiet unterhalten. 

Mit mehr als zwei Millionen Abonnenten gehören die Jungs von PietSmiet zu den erfolgreichsten Gaming-YouTubern in Deutschland. Die Let’s Player-Gruppe, die aus Piet, Br4mmen, Chris, Jay und Sep besteht, hat dabei ein aufregendes Jahr hinter sich. Neben ihrem YouTube-Kanal starteten sie zahlreiche Nebenprojekte wie eine eigene Tour oder ein eigenes Buch und launchten sogar ihre eigene Plattform. Grund genug, mit Sebastian „Sep“ Lenßen über das Jahr 2016, die aktuelle Entwicklung von YouTube-Deutschland und die Pläne von PietSmiet zu sprechen.

Broadmark: 2016 war für euch ein spannendes Jahr. Ihr wart auf Tour, habt euer eigenes Buch veröffentlicht und eure neue Website gestartet. Wie blickst du auf das Jahr zurück?

Sep: Es war ein sehr, sehr ereignisreiches Jahr und es ist sehr viel passiert. 2016 ist im Endeffekt mein erstes richtiges Jahr, in dem ich als Vollzeit-Pietsmiet-Schnittchen mit dabei bin. Von daher war es für mich persönlich auf jeden Fall eine riesen Umstellung vom Maschinenbauer zum Vollzeit-Let’s Player. Das hat auch erst einmal eine gewisse Zeit gebraucht, sich da einzugewöhnen.

Aber auch an sich haben wir bei PietSmiet extrem viele coole Projekte gehabt und viel für die Community als Dankeschön für die 2 Millionen Abonnenten, die wir im letzten Jahr erreicht haben, getan. Mit der Tour, dem Buch und allen anderen Projekten haben wir somit viel gemacht, ich war viel unterwegs und habe viel erlebt. Insgesamt war 2016 somit ein sehr schönes Jahr.

Broadmark: Du bist dieses Jahr erst so richtig bei PietSmiet eingestiegen. Inwiefern war es für dich eine Umstellung, das ganze nun auch beruflich zu machen?

Sep: In meinem Alltag war das schon eine sehr starke Umstellung. Man arbeitet halt von zu Hause aus, was ein sehr positiver Aspekt ist, aber du hast dadurch natürlich auch die Versuchung, deinen Arbeits-Alltag schleifen zu lassen. Wir haben deshalb von 10 bis 18 Uhr feste Aufnahmezeiten, damit wir quasi eine geregelte Arbeitszeit haben. Aber im Vergleich zu meinem vorigen Job könnte ich jetzt bis um 10 Uhr morgens schlafen – ich steh jedoch trotzdem um 7 Uhr auf und mach vorher dann noch die Schreibtischarbeit wie E-Mails schreiben oder Videos schneiden, um so im Alltag drin zu bleiben.

Die große Problematik, die schließlich einige YouTuber und Streamer haben, ist die Gefahr in einen Trott rein zu fallen und sich in einer ganz eigenen Welt zu verlieren. Da muss man echt Selbstdisziplin zeigen, um nicht in Versuchung zu geraten, faul zu werden.

Broadmark: Mit den festen Aufnahmezeiten geht ihr das Ganze ja schon sehr professionell an. Wie wichtig ist es für euch, das Ganze so zu professionalisieren und eigene Prozesse aufzubauen?

Sep: Am Anfang war das alles noch nicht so. Das war wirklich noch sehr chaotisch und unstrukturiert, nach dem Motto „Kommst du heute nicht, kommst du morgen.“ Da hatten wir keine Absprachen und haben nichts großartig geplant. Dadurch, dass das Ganze immer mehr zum Beruf geworden ist, haben wir versucht, das in vernünftige Wege zu lenken, was die Arbeitszeiten und Prozesse angeht.

Broadmark: Eine solche Professionalisierung bringt ja immer zwei Seiten mit sich. Auf der einen Seite geht es natürlich darum, das möglichst gut zu strukturieren und zu professionalisieren. Auf der anderen Seite birgt das Ganze natürlich die Gefahr, an Kreativität einzubüßen…

Sep: Die Flexibilität geht vor allem verloren. Wir haben beispielsweise einen festen Uploadplan, wo genau drin steht, was wann kommt. Wir fragen uns nicht morgens, was wir eigentlich für Videos heute machen wollen, sondern versuchen die Videos vorzuproduzieren, um jeden Tag unsere 4 Videos raushauen zu können. Und ja, da verliert man diese gewisse Kreativität, dass man tagesbezogen genau auf die Inhalte und Themen eingehen kann, die einem im Kopf rumschwirren. Man plant dann halt mehr. Trotzdem versuchen wir, unsere Kreativität nicht einzuschränken.

Broadmark: Dafür habt ihr Anfang des Jahres euer Kanalkonzept sehr stark umgestellt und setzt nun mehr auf Qualität anstelle von Quantität. Was hat sich bei euch dadurch getan? Und inwiefern ist euch diese Umstellung geglückt?

Sep: Böse Zungen würden behaupten, dass die Quantität bei uns zwar runtergegangen, die Qualität aber nicht gestiegen ist. Manchmal schaut das vielleicht von außen auch so aus, aber wir versuchen inzwischen bei einigen Projekten wie GTA oder Formel1, deutlich mehr in den Schnitt und damit in die Qualität zu stecken. Da hat man dann nicht mehr nur die Cuts am Anfang und Ende der jeweiligen Folgen sowie die Arbeit mit dem Upload, sondern durch das Sichten des Materials, den Schnitt und Bearbeitung einen deutlich höheren Aufwand und eine höhere Qualität. Wir nehmen hier auch sehr gerne Feedback an und arbeiten weiter an uns.

Die Quantität haben wir auf jeden Fall deutlich zurückgefahren. Statt vorher zwölf Folgen pro Tag, haben wir diese nun auf vier pro Tag begrenzt. Erst wollten wir sogar nur drei Folgen am Tag veröffentlichen, haben dann aber gemerkt, dass wir doch so viel Bock haben, weitere Videos zu machen. Gerade am Anfang des Jahres hatten wir eine sehr kreative Phase und haben sehr viel ausprobiert. Ansonsten würden wir halt viel zu viel vorproduzieren, was auch nicht gut ist und wodurch die Aktualität verloren geht.

Broadmark: Ihr habt nicht nur euren Kanal umgestellt, sondern auch viele Nebenprojekte gestartet. Wie kam es dazu?

Sep: Das kommt vor allem dadurch, dass wir mittlerweile als Firma nicht mehr nur die fünf Jungs sind, die die Videos aufnehmen. Wir haben Andi, der uns super beim Schnitt, meistens für spezielle Projekte wie Product Placements, Formel 1 oder die Best-Ofs hilft. Domi kümmert sich um die Technik und hat dieses Jahr hauptsächlich die Website vorangebracht. Und Mikkel hat unter anderem die Tour oder Friendly Fire organisiert.

Dadurch konnten wir uns sehr gut auf die Videos konzentrieren, bei denen unsere Stärken liegen und solche organisatorischen Themen und spezielle Projekte abgeben. Das Buch wurde hauptsächlich von unserem neu dazu gewonnen Kollegen Boris [A.d.R. Boris Lehfeld, Geschäftsführer 2nd Wave GmbH] angestoßen. Er hat uns überredet, dieses zu veröffentlichen. Somit haben wir mittlerweile unsere kleinen Helferlein, die die ganzen Nebenprojekte erst ermöglichen und uns hinter den Kulissen zur Hand gehen.

Broadmark: Eines der größten Projekte von euch in diesem Jahr ist eure neue Website, wo ihr nun auch eure Videos hostet und somit quasi eure eigene Plattform habt. Inwiefern möchtet ihr euch mit dieser Plattform von YouTube emanzipieren und unabhängiger werden?

Sep: Also unabhängiger wollen wir damit eigentlich nicht werden. Das war nicht die Intention dahinter. Der eigentliche Grund war, dass wir ein kleines weiteres Standbein aufbauen wollen, wo wir unsere Videos spiegeln und auch hochladen können. Wir hatten früher ja mal den Gag, dass unsere Videos zwei Stunden früher auf PietSmiet.de erscheinen sollen. Das hat damals keiner für möglich gehalten, aber dann haben wir einfach gesagt, dass wir das halt wirklich so machen. Somit kann man nun die Videos zwei Stunden früher im eigenen Player auf unserer Website anschauen. Damit können wir das Ganze auch besser vermarkten, wobei es sich bislang noch nicht herausgestellt hat, dass sich dies für uns wirklich lohnt, da der Traffic, den unsere Videos verursachen, nicht gerade günstig ist.

Unsere Website ist somit aktuell einfach nur ein zweites Standbein, um eine Anlaufstelle für die Community zu haben und Dinge machen zu können, die wir auf YouTube nicht machen können – wie Gewinnspiele oder weitere Informationen. Dazu laden wir dort mittlerweile auch extra Videos hoch, die in den Bereich Singleplayer Let’s Plays gehen. Das machen wir ja auf YouTube gar nicht mehr, weil sich gezeigt hat, dass die meisten Leute nur die ersten Folgen interessant finden und das ganze Spiel nicht mehr interessant finden oder lieber andere Formate sehen möchten. Über die Website haben wir da nun eine sehr gute Möglichkeit, trotzdem Singleplayer Let’s Plays zu machen, auf die der ein oder andere von uns doch noch Bock hat.

Broadmark: Aktuell ist die Website noch in der Beta. Was sind denn in der Zukunft eure Pläne mit der Website?

Sep: Mittlerweile sind wir erst einmal ganz froh, dass alles soweit läuft und Videos über die Website hochgeladen und weiterverarbeitet werden können. Das Ganze ist super kompliziert und es hat sehr lange gedauert, bis dies reibungslos lief. So konkrete Pläne haben wir deshalb gar nicht. Wir möchten erst einmal alle kleinen Fehler beheben und die Sicherheit nicht aus den Augen verlieren. Ansonsten würde ich mich freuen, wenn wir irgendwann auch eine App haben, die mit unserer Website zusammen funktioniert, aber das steht noch in den Sternen.

Broadmark: Nun hat die Entwicklung der Website ja wirklich sehr lange gedauert. Ursprünglich sollte diese schließlich bereits im Sommer 2015 starten. Wie kam es dazu, dass sich dies so massiv verzögert habt? Und wie habt ihr überhaupt das ganze Projekt umgesetzt?

Sep: Wir haben das zusammen mit unserem Netzwerk, allyance network, gemacht. Es hat einfach super lange gedauert, mit dem Entwickler das alles so hinzubekommen, wie wir das gerne hätten und bis alles mit YouTube funktionierte. Wir hatten halt recht viele Ansprüche an die Seite, da diese superleicht zu bedienen sein muss und nicht weniger Funktionen als YouTube haben soll.

Broadmark: Wie viele Zuschauer aus eurer Community nutzen denn mittlerweile die Website?

Sep: Das weiß ich gar nicht so genau, aber das sind schon einige. Wir haben ja ein Schnittchensystem, wo man sich Schnittchenpunkte durch das Kommentieren und Liken verdienen kann und das nutzen schon einige – auch wenn dies natürlich nicht die breite Masse ist.

Broadmark: Nun hat sich nicht nur euer Kanal und ihr euch weiterentwickelt, auch die Webvideoszene im Allgemeinen entwickelt sich unglaublich schnell weiter. Wie beobachtest du dies?

Sep: Es ist sehr, sehr schade für den Otto-Normal-Let’s Player und -Gamer, dass man einfach untergeht, wenn man keine krassen Clickbait-Titel oder Thumbnails macht, der die Leute in die Irre führt. Inhaltlich finde ich es sehr schade, dass sich YouTube immer mehr dahin entwickelt, dass Pranks oder meine „Top 5 Gummibärchen der Woche“ angesagt sind. Ich hoffe, das hat mal ein Ende und YouTube wird wieder mehr zu einer ernsthaften Plattform, die ehrlich und nicht so stark klick-orientiert ist. Es ist echt traurig, dass viele Zuschauer solche High-Society-Inhalte verfolgen. Das war früher besser.

Broadmark: Denkst du denn, dass man da noch etwas ändern kann? Oder ist der Zug schon abgefahren?

Sep: Ich glaube der Zug ist schon abgefahren, denn mit solchen Inhalten lässt sich halt Geld machen. Das ist nun mal das, was die Welt und die YouTube-Startseite regiert. Vielleicht wird YouTube hier noch was ändern, denn es gibt so viele Creator, die seriöse Inhalte produzieren und einfach untergehen. Die haben es einfach verdient, auch mal auf die Startseite zu kommen und gesehen zu werden.

Broadmark: Wie du es ja auch schon angesprochen hast, entwickelt sich YouTube auch inhaltlich weiter. Vor ein bis zwei Jahren waren vor allem Gaming-Videos noch stark angesagt, nun sind es Pranks, Vlogs und so weiter. Inwieweit denkst du, haben Gaming-Inhalte noch eine Zukunft auf YouTube? Und inwiefern denkst du, wird das Interesse an diesen Inhalten in Zukunft nachlassen?

Sep: Das merkt man eigentlich jetzt schon ein wenig. Wenn wir den gleichen Content liefern würden, wie vor vier Jahren, würden wir einfach untergehen und hätten keine Chance. Heutzutage möchte der Zuschauer nicht mehr ein Let’s Play sehen, wovon es dann nachher 1 000 Folgen gibt. Alle wollen Action und kurze, knackige, provokante Videos, die man einfach so zwischendurch konsumieren kann. Der Zuschauer an sich hat sich halt auch gewandelt und wir haben uns hier über die Jahre angepasst.

Broadmark: Wie lange denkst du denn, wird euer Kanal und eure Inhalte noch funktionieren? Hast du dir schon Gedanken gemacht, was vielleicht danach kommt?

Sep: Darüber habe ich mir bisher eigentlich noch keine Gedanken gemacht. Zu Beginn unseres Kanals haben wir noch geschaut, wie lang das überhaupt funktioniert und inwiefern YouTube überhaupt eine Zukunft hat. Mittlerweile glaube ich, ist YouTube ein richtiges Geschäft für die Medienbranche geworden und solange dies so ist, wird YouTube auch weiterlaufen – sofern man natürlich genügend Views generiert, um sein täglich Brot damit zu verdienen. Da sind wir ganz gut dabei, neue Sachen auszuprobieren und uns weiterzuentwickeln.

Würden wir immer noch die klassischen Let’s Plays machen, wären wir jetzt wahrscheinlich dem Untergang geweiht und dann hätte ich wirklich Angst. Dadurch, dass wir eine so dynamische Truppe sind und jeder mal was Neues einbringt, habe ich da aber gar keinen Zweifel daran, dass wir uns weiterentwickeln und noch lange bestehen bleiben werden. Aber trotzdem habe ich noch mein abgeschlossenes Maschinenbaustudium in der Hinterhand und würde dort weitermachen, wenn ich kein YouTube mehr machen würde oder dazu gezwungen wäre.

Broadmark: Bis dahin dürfte ja wohl noch ein „wenig“ Zeit vergehen. Nun haben wir ja schon bald 2017. Was sind eure Pläne für das kommende Jahr?

Sep: Eigentlich sind wir da immer recht kurzsichtig und haben noch gar nicht so viel geplant. Vielleicht wird es eine zweite Tour geben. Aktuell stecken wir unsere gesamte Kraft jedoch voll in das Jahresende mit Friendly Fire, unserer Website und unseren Weihnachtsgewinnspielen. Somit haben wir gar keine großartigen Projekte in petto, auch wenn ich mir sicher bin, dass das nächste Jahr nicht weniger langweilig als dieses Jahr werden wird.

Broadmark: Vielen Dank für das nette Interview!

Beitragsbild von PietSmiet