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„Das ganze Geschäft entwickelt sich unfassbar schnell“ – Ralf Osteroth von Studio71 im Interview

Wohin entwickeln sich Studio71 und die Webvideobranche? Wie steht es um die Multi-Channel-Netzwerke? Und wie schaut die Zukunft aus? Darüber haben wir mit Ralf Osteroth, Senior Vice President Sales & Marketing von Studio71, gesprochen. 

Die deutsche Webvideobranche befindet sich zurzeit in einer sehr spannenden Phase. Die glorreichen Zeiten der Multi-Channel-Netzwerke sind vorbei, Themen wie Influencer Marketing gewinnen an Bedeutung dazu und die deutsche Webvideo-Szene steht am Scheideweg. Somit muss sich die Branche die Frage stellen, wie sich diese positionieren möchte, um auch in Zukunft eine Rolle zu spielen, wie nachhaltige Geschäftsmodelle aufgebaut werden können und wohin in der schnelllebigen Zeit die Reise geht.

Seit 2013 ist auch ProSiebenSat.1 mit seinem eigenen Multi-Channel-Netzwerk Studio71 teil der Webvideowelt. Nachdem das Unternehmen sich im deutschen Markt etabliert hat, fusionierte Studio71 im vergangenen Jahr mit dem US-amerikanischen MCN Collective Digital Studios. Damit gehört Studio71 nun zu den weltweit größten Multi-Channel-Netzwerken. Wir haben deshalb mit Ralf Osteroth, Senior Vice President Sales & Marketing von Studio71, über die Entwicklung von Studio71, Influencer Marketing und die Zukunft der Webvideobranche gesprochen.

Broadmark: Seit etwas mehr als einem Jahr gehört CDS zu Studio71, womit ihr nun eines der größten MCNs weltweit seid. Was hat sich durch die Fusion bei euch alles getan?

Ralf Osteroth: Bei uns hat sich viel getan. Insbesondere der internationale Fokus ist dazugekommen, da wir heute Kooperationen weltweit anbieten und grenzübergreifend agieren. Dadurch können wir nun Kunden, die nicht nur national in Deutschland aktiv sind, sondern global, attraktive Konzepte liefern. Natürlich hat sich auch durch den Austausch mit den Kollegen aus den USA viel getan, da der Markt dort einfach viel weiter ist, als der europäische oder der deutsche Markt. Somit haben wir einiges gelernt und viel Neues ausprobiert.

Broadmark: Ihr seid damit nun vor allem sehr international tätig. Inwiefern unterscheiden sich der europäische und der amerikanische Markt voneinander? Und welche Herausforderungen bringt dies mit sich?

Osteroth: Natürlich unterscheiden sich die beiden Märkte voneinander, insbesondere im Stellenwert von Influencer Marketing. Wie in vielen Entertainment-Bereichen sind die USA gegenüber Europa zeitlich ein wenig voraus und setzen die neuen Trends. Von den Ideen, den Umsetzungsmöglichkeiten und von der Produktion her sind wir jedoch ähnlich aufgestellt. Sowohl unsere Kollegen in den USA als auch wir haben einen starken Produktionshintergrund mit einem hohen Production Value und Kompetenz in der Zusammenarbeit mit Influencern auf mehreren Plattformen. Deshalb hat die Zusammenführung auch so gut geklappt.

Broadmark: In Deutschland seid ihr das führende „Netzwerk“, gemessen an der Zahl der Partner und den monatlichen Views. Bei welcher Größenordnung seid ihr inzwischen angekommen?

Osteroth: Insgesamt erzielen wir weltweit mit unseren 1 000 Partnern rund fünf Milliarden Video-Views. Alleine in Deutschland erzielen wir derzeit monatlich 450 Millionen Video-Views, wobei wir hierbei einem Premium-Ansatz folgen. Uns ist der persönliche Kontakt mit unseren Influencern sehr wichtig, gerade was die Umsetzung von Marken-Kooperationen betrifft.

In Deutschland haben wir um die 90 Partner, wobei jeder Partner Manager maximal zehn Influencer begleitet und dementsprechend eine gute, persönliche Betreuung und einen intensiven Service garantieren kann. Das Feedback unserer Partner ist sehr positiv — und das ist ihnen sowie auch uns sehr wichtig.

Broadmark: Ihr tretet zum einen als Netzwerk auf, seid aber auch eine Art Influencer-Agentur beziehungsweise Vermarkter. Welche Rolle spielt für euch hierbei das klassische Netzwerkgeschäft überhaupt?

Osteroth: Das kann man schlecht trennen. Was uns weltweit wirklich einzigartig macht ist, dass wir als Konzern Crosspromotions auf allen Plattformen bieten können. Das geht von den Plattformen der Sendergruppe bis hin zu den Influencern und neuen Social Media-Plattformen. Einige Creators, nicht alle, finden das dann auch cool, auf diesem Wege mal ins Fernsehen zu kommen, wie zum Beispiel bei der ProSieben Wok WM oder der Völkerball-Meisterschaft. Das bietet auch nochmal einen echten Mehrwert für unsere Influencer. Wir bieten eben ein Gesamtpaket aus individueller Betreuung plus einzigartiger zusätzlicher Möglichkeiten, die man so woanders nicht findet.

Broadmark: Denkst du, dass dieses klassische Netzwerk-Modell in Zukunft noch Bestand haben wird oder ob sich da etwas ändern wird? 

Osteroth: Das ganze Geschäft entwickelt sich unfassbar schnell. Studio71 hat sich im Markt klar positioniert, unsere Creators, die Community und die Werbekunden wissen genau, wofür wir stehen. Einige unserer Wettbewerber entwickeln sich in eine andere Richtung, und das macht den Markt ja gerade so spannend. Wir erleben gerade eine Spezialisierung der Szene.

Broadmark: Influencer-Marketing ist momentan ein sehr gehyptes Thema. Wie beobachtest du diesen Hype und denkst du, dass es mehr als nur ein Hype ist?

Osteroth: Es ist schon deutlich mehr als ein Hype, weil man mit Influencer Marketing auf sehr direkte Weise mit den sogenannten Millennials kommunizieren kann. Das sieht man ganz einfach an den Nutzungsgewohnheiten der jungen Menschen, die die Inhalte der Influencer konsumieren. Die Creators haben teilweise einen richtigen Freundschaftsstatus bei den Zuschauern, da sie ihre Sprache sprechen, auf Augenhöhe mit ihnen kommunizieren und eine intimere Atmosphäre kreieren können. Natürlich gibt es auch den einen oder anderen da draußen, der zwar sagt „ich mache jetzt Influencer Marketing“, der es am Ende aber nicht richtig umsetzt, sondern einfach nur ein Produkt in ein Video hält. Wenn möglich, sollte eine Story dahinter stehen. Zum einen, um die Marke authentisch zu machen, zum anderen, um den Creator zu schützen. Wenn man stumpf und ohne nachzudenken eine Kooperation eingeht, dann gibt es von den Usern sofort den „Daumen nach unten“ und negative Kommentare.

Broadmark: Es gibt mittlerweile viele Unternehmen, die im Influencer Marketing-Bereich tätig sind. Seien das jetzt normale Agenturen, Influencer Marketing-Plattformen oder auch -Agenturen und eben auch Multi-Channel-Netzwerke. Wie möchtet ihr euch da positionieren und wie beobachtet ihr auch den wachsenden Markt?

Osteroth: Wir sind in der glücklichem Position, dass wir fast alles anbieten können. Das fängt bei kleinen Placements an, geht über die Produktion von Videos bis hin zu 360 Grad Virtual Reality-Erlebnissen und endet beim kompletten Channel Management, der Beratung von Marken und dem Social Media-Management. Dadurch, dass wir das schon so lange machen, haben wir uns umfängliches Know-how aneignen können und wissen, was funktioniert und was nicht. Unser Ziel ist dabei, dass sowohl die Marken als auch die Zuschauer und die Influencer profitieren.

Broadmark: Was Influencer Marketing betrifft, probiert ihr auch vieles aus mit eigenen Events oder Ähnlichem. Wie wichtig ist es für euch, damit auch neue Geschäftsfelder zu erschließen, um zu schauen, was noch alles funktionieren kann?

Osteroth: Klar spielt das eine Rolle, denn je weiter sich der Markt entwickelt, sei es durchs Merchandising, Apps oder Produkte, müssen auch diese Bereiche richtig betreut und verstanden werden. Dadurch entwickeln sich mit Sicherheit neue Geschäftsfelder. Wer hätte zum Beispiel vor einem Jahr gedacht, dass Snapchat so schnell nach oben klettert und Vine den Rang abläuft. Es passiert also viel, aber gerade das ist auch das Spannende.

Broadmark: Durch eure ganzen Aktivitäten seid ihr inzwischen nicht mehr “nur” ein Multi-Channel-Netzwerk. Inwiefern denkst du, werden in Zukunft MCNs noch eine Rolle spielen?

Osteroth: Das hängt von der Strategie der einzelnen MCNs ab. Wir verstehen uns als ein Multi-Plattform-Netzwerk. Unser Wachstum kommt von Qualität und nicht von Quantität. Wir setzen eher auf wenige Kanäle, legen dafür aber Wert auf die persönliche Betreuung und bauen so Reichweite auf, statt unendlich viele Kanäle unter Vertrag zu nehmen und sich nicht intensiv um diese kümmern zu können. Bei 50 000 Kanälen kann man sich schließlich ausrechnen, wie viele Mitarbeiter man da bräuchte, um einen solchen Premium-Service zu bieten. Bisher zeigt sich dieser Weg für uns als erfolgreich.

Broadmark: Wie schauen eure Pläne der nächsten Monate aus? Was habt ihr so alles in der Pipeline?

Osteroth: Wir haben bereits viel gemacht und erst vor einigen Monaten zum Beispiel mit der Owl71 ein Programm gestartet, bei dem wir Influencern ein Coaching geben, Persönlichkeitsanalysen vornehmen, die Creators persönlich beraten und sie bei neuen Formaten oder Produktionen mit verschiedenen Marken unterstützen. Es ist uns wichtig, dass wir  unsere Creators bestmöglich begleiten und dabei gleichzeitig die Qualitäts-Flagge nach oben halten.

Broadmark: Wie denkst du, wird sich allgemein die Webvideobranche in den kommenden Monaten weiter entwickeln?

Osteroth: Die Entwicklung wird massiv sein, die Qualität wird weiter steigen und die Plattformen werden sich ändern. Wer weiß heute schon, was es in einem halben Jahr für eine neue Plattform geben wird, die dann plötzlich relevant wird. Da muss man einfach so flexibel wie möglich sein, den Markt permanent beobachten und sich anpassen können.

Broadmark: Herr Osteroth, vielen Dank für das Interview.  

Beitragsbild von dmexco