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„Gemeinsam allen Hatern im Netz die Stirn bieten“ – Interview mit Hannelore Kraft

Im Interview haben wir mit der Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens Hannelore Kraft (SPD) unter anderem über den #unserNRW-Videowettbewerb, die Kommentarkultur im Netz und die Bedeutung von Webvideo für das Land NRW gesprochen.

Erst kürzlich war Hannelore Kraft Laudatorin auf dem Webvideopreis 2016 und hat damit gezeigt, dass Webvideo nun auch in der großen Politik eine immer bedeutendere Rolle spielt. Anlässlich des 70. Geburtstags des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und des Webvideowettbewerbes #unserNRW, bei dem noch bis zum 10. Juli 2016 Videos eingereicht werden können, haben wir mit Hannelore Kraft im Interview gesprochen.

Broadmark: Das Bundesland Nordrhein-Westfalen startete zu seinem 70. Geburtstag, zu welchem natürlich auch wir herzlich gratulieren möchten, den Videowettbewerb #unserNRW. Was ist die Idee und das Ziel hinter diesem Wettbewerb und wie kann man daran teilnehmen?

Hannelore Kraft: Unser Land ist so bunt und vielseitig – genau das wollen wir im Film zeigen. Also laden wir alle ein, ihre persönliche Geschichte über NRW bei YouTube zu erzählen, egal ob lustig, rührend oder informativ. Am Ende steht dann ein Film, der beim NRW-Tag am 27. August 2016 in Düsseldorf Premiere feiert. Ich bin natürlich vor Ort und freue mich schon jetzt, die Webfilmer der besten #unserNRW-Clips zu treffen!

Broadmark: Warum wurde sich dazu entschieden, für den #unserNRW-Videowettbewerb gerade das Medium Webvideo zu nutzen und über dieses den Wettbewerb zu starten?

Hannelore Kraft: Es geht ja darum, dass wir mit dem #unserNRW-Film ein gemeinsames Projekt mit den Bürgerinnen und Bürgern machen wollen. Wir möchten wissen: Wie sehen die Menschen in NRW ihr Land? Der  Videowettbewerb bietet die tolle Möglichkeit, dass wir ganz viele Menschen zum Mitmachen bewegen können: Sie können Videos hochladen, teilen, kommentieren, miteinander diskutieren, Geschichten austauschen. Was passt da besser als das Medium Webvideo? Da kommen viele Blickwinkel in einem Film zusammen. #unserNRW soll eine Collage werden. Denn unser Land steht für Vielfalt.

Broadmark: Auf Ihrem YouTube-Kanal veröffentlichen Sie ja selbst Videos. Wie kam es zu der Idee, einen eigenen Kanal zu gründen und was macht Ihnen beim Erstellen der Videos am meisten Spaß?

Hannelore Kraft: Ich wurde immer wieder mal gefragt, wie ein typischer Arbeitstag bei mir aussieht. Also dachte ich mir dann: Jetzt mache ich selbst was bei YouTube und gebe Einblicke in meinen Alltag als Politikerin. Mir macht das Vloggen Spaß und ich lerne von Video zu Video. Mein Daumen ist zum Beispiel nur noch ganz, ganz selten im Bild zu sehen und die Folgen sind mittlerweile auch deutlich kürzer als die ersten Videos.

Broadmark: Dürfen wir uns dann zum #unserNRW-Videowettbewerb auch auf ein eigenes Video von Ihnen freuen?

Hannelore Kraft: Der könnte dann ja nur außer Konkurrenz laufen… Wenn ich aber was machen könnte, dann vielleicht einen Clip über die Ruhraue in Mülheim. Da geh‘ ich gern spazieren, das ist definitiv einer meiner Lieblingsorte in NRW.

Broadmark: Für eine Ministerpräsidentin ist es ja eher ungewöhnlich zu vloggen. Wie reagieren Ihre Kolleginnen und Kollegen darauf?

Hannelore Kraft: Alle haben sich mittlerweile daran gewöhnt. Einige guckten zuerst ein bisschen überrascht, unser Wirtschaftsminister Garrelt Duin wollte gleich in meinem ersten Video unbedingt aufs Bild. Vielleicht macht er ja auch in Zukunft ein eigenes Vlog – bei Twitter ist er schon gut unterwegs.

Broadmark: In einem Ihrer Vlogs sprechen Sie auch von der Kommentarkultur im Internet. Ihr Kollege Bundesminister Maas hat dazu vor einiger Zeit eine Initiative gestartet und Gespräche mit Facebook geführt, um Hetze im Netz entgegenzuwirken. Sie unterstützten zum Beispiel kürzlich die Video-Kampagne #NoHateSpeech. Wie wichtig ist Ihnen dieses Thema? Was läuft derzeit falsch und müsste Ihrer Ansicht nach verbessert werden?

Hannelore Kraft: Wir dürfen bei Hass und Hetze nicht wegschauen, wir müssen klare Kante zeigen und gemeinsam allen „Hatern“ im Netz die Stirn bieten. Ansonsten zerreißt es unsere Gesellschaft. Das war ja auch ein Thema beim vergangenen Webvideopreis. Dort  haben gleich mehrere YouTuber auf ihre gesellschaftliche Verantwortung hingewiesen. Ganz besonders gefiel mir der Vorschlag von Phil Laude: Er hat angeregt, dass sich alle YouTuber in ihren Beiträgen gegen Mobbing stark machen. Da ist eine Menge Bewusstsein, eine Menge Willen. All das wollen wir als Landesregierung aufgreifen und auf dieser Basis auch einen Netzkodex formulieren: Gemeinsam mit Netzaktiven, den Medien, Politik und gesellschaftlich relevanten Gruppen wollen wir diese wichtige gemeinsame Wertedebatte damit vorantreiben.

Broadmark: Denken Sie, dass es auch ein wichtiger Faktor ist, dass Kinder bereits im jungen Alter lernen mit Medien umzugehen und sollte an Schulen und Kitas hier mehr getan werden?

Hannelore Kraft: Digitale Medien gehören doch längst zur Lebenswirklichkeit der Kinder. Heute weiß schon ein Kleinkind, wie ein Tablet funktioniert, und vom Schulhof sind Smartphones nicht mehr wegzudenken. Man kann also gar nicht früh genug damit anfangen, Kindern den richtigen Umgang mit Medien beizubringen. Wir müssen früh anfangen, alle fit zu machen, damit sie im digitalen Alltag, egal ob in der Kita, in der Schule, an der Uni oder im Job, selbstständig weiterkommen. Und genau das tun wir als Landesregierung auch. Wir haben gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus der Bildung, der Hochschule und der Wirtschaft schon im vergangenen Jahr einen Dialogprozess zum Thema #bildungviernull gestartet. Im März haben wir zum Beispiel in Neuss einen großen Kongress veranstaltet, bei dem über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam an konkreten Ideen und Verbesserungsvorschlägen zum Lernen im Digitalen Wandel gearbeitet haben. In diesem Sommer präsentieren wir hierzu ein Gesamtpapier – ein Leitbild, an dem sich die Landespolitik orientiert.

Hannelore Kraft auf dem Webvideopreis 2016

Hannelore Kraft auf dem Webvideopreis 2016

Broadmark: Die Film- und Medienwirtschaft ist in NRW ein großer Wirtschaftsfaktor. Welche Rolle spielt dabei die Webvideolandschaft?

Hannelore Kraft: 52 000 Medien- und Kommunikationsunternehmen sind in NRW zu Hause! Damit sind wir der Top-Standort für Medien und Kreative in Deutschland. Und wir sind auch ganz klar das Webvideoland Nr. 1: Hier sitzen bekannte Multichannel-Networks, hier gibt es Veranstaltungen wie den Webvideopreis Deutschland oder die VideoDays. Wir sind Heimat vieler Video-Creators, Motion Designer und Media Artists. Das freut mich, weil das bedeutet, dass sie sich bei uns wohlfühlen. Ich war ja am 4. Juni selbst bei der Verleihung des Webvideopreises und habe dort den Preis in der Kategorie „Person Of The Year Female“ an Melina Sophie übergeben. Das war eine tolle Veranstaltung, die mir nochmals gezeigt hat: Webvideos und Nordrhein-Westfalen, das passt zusammen. Und Webvideos spielen eine immer größere Rolle im Medienmix der Menschen.

Broadmark: Angenommen, ich bin ein junger Filmemacher und Webvideoproduzent und habe ein ambitioniertes Projekt geplant. Auf welche finanziellen oder inhaltlichen Unterstützungsformen kann ich in NRW zurückgreifen?

Hannelore Kraft: Da gibt es vor allem die Film- und Medienstiftung NRW. Die hilft jungen Filmemachern weiter. Die Stiftung hat ein eigenes Förderprogramm für Webvideo-Macher – übrigens das erste, das es in Europa gab. Damit werden Ideen und unabhängige Projekte junger Webvideofilmer unterstützt.

Broadmark: Bezogen auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte: Denken Sie Webvideos können einen Beitrag zur Integration leisten und sind Ihnen solche Projekte bekannt?

Hannelore Kraft: Webvideos sind ein starkes Medium. Nicht nur für Unterhaltung, sondern auch für Informationen. Ein gut gemachter Clip kann bestimmt auch große Aufmerksamkeit auf ein tolles Projekt lenken, wenn er oft geteilt wird. Ob ein Webvideo aber auch selbst einen Beitrag zur Integration leisten kann – das ist schwer zu sagen. Mein Tipp: Selbst aktiv werden und vor Ort konkrete Hilfe leisten, zum Beispiel bei einem Verein oder einer Initiative. Wer helfen will, aber noch nicht so recht weiß, wie er helfen kann – wir haben dazu die Website www.ich-helfe.nrw gestartet. Dort kann man nach Organisationen und Initiativen in NRW suchen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren und Hilfe brauchen.

Broadmark: Wie sieht Ihr persönlicher Medienkonsum aus? Aus Ihren Vlogs weiß ich, dass Sie sehr viel Zeitung lesen, um sich über die tagesaktuellen Themen zu informieren. Aber wie sieht dies bei Ihnen im Entertainment-Bereich aus? Schauen Sie lieber Fernsehen oder haben Sie auch bereits ein Netflix-Konto, schauen die neuesten Let’s Plays von Gronkh oder auf dem Online-Sender von den Rocket Beans vorbei?

Hannelore Kraft: Daheim schaue ich, sofern die Zeit es erlaubt, gerne TV-Serien, zum Beispiel „Borgen“ aus Dänemark. Die Rocket Beans habe ich beim Webvideopreis zum ersten Mal erlebt, das muss ich gestehen. Bei uns daheim ist mein Sohn eher der Webvideo-Gucker – er ist übrigens Fan vom YouTube-Heimwerker Fynn Kliemann.

Hannelore Kraft auf dem Webvideopreis 2016

Hannelore Kraft auf dem Webvideopreis 2016

Broadmark: Vielen Dank für das Interview!

Beitragsbilder von Webvideopreis Deutschland