Philip de Franco kritisiert youtube

Werbung über Inhalte – YouTube deaktiviert Monetarisierung

In den vergangenen Tagen und Wochen wurde bekannt, dass YouTube offenbar bei zahlreichen Videos die Monetarisierung deaktiviert, weil diese nicht den Werberichtlinien entsprächen und nicht „Werbekunden-freundlich“ wären. Zahlreiche YouTuber sind davon betroffen und beklagen jetzt schon hohe Umsatzeinbußen und sehen sich mit ihren Formaten in ihrer Existenz bedroht. Wir haben uns diese Praxis seitens YouTube näher angeschaut und erklären die Hintergründe. 

Mitte dieser Woche machte der YouTuber Philip DeFranco mit einem Video mit dem Titel „YouTube Is Shutting Down My Channel and I’m Not Sure What To Do“ auf sich aufmerksam. Hier erklärt er, dass YouTube von seinem letzten Video und elf weiteren Videos die Monetarisierung bis auf Weiteres aussetzte.

Durch die Monetarisierung ihrer Inhalte können Creator durch das Schalten von Werbung seitens YouTube, an Werbeeinnahmen beteiligt werden und so mit ihrem Content Geld erwirtschaften. Für viele YouTuber ist dies ein großer Faktor zur Finanzierung ihrer Formate.

Videos sind „Not advertiser-friendly“

Laut DeFranco wurden nun zahlreiche seiner Inhalte als „Not advertiser-friendly“ (zu Deutsch etwa: „Nicht Werbekunden-freundlich“) geflaggt. Dass er nicht der einzige YouTuber ist, bei dem durch YouTube die Monetarisierung zurückgezogen wurde, zeigen etliche andere Beispiele. So bekamen zahlreiche YouTuber eine Nachricht unter ihren Videos eingeblendet mit dem Hinweis: To monetise a video, your video content, metadata and thumbnail must:

  • Be advertiser-friendly
  • Contain no graphic content or excessive strong language 

Allerdings sagt DeFranco, dass in dem betreffenden Video nicht seine Ausdrucksweise unangebracht, sondern die Sprache, welche Teil der News-Story war, unpassende Wortlaute enthielt.

Viel wichtiger ist jedoch der erste Punkt, welcher darauf hinweist, dass der Inhalt Werbekunden-freundlich sein soll. Was dies konkret bedeutet, erklärt YouTube in seinen Richtlinien:

Screenshot der YouTube-Richtlinien; Stand 03.09.2016

Besonders entscheidend ist in diesem Zusammenhang der Punkt „Controversial or sensitive subjects and events, including subjects related to war, political conflicts, natural disasters and tragedies, even if graphic imagery is not shown“ (zu Deutsch: „Umstrittene oder sensible Themen und Ereignisse, einschließlich Themen im Zusammenhang mit Krieg, politischen Konflikten, Naturkatastrophen und Tragödien, auch wenn grafische Bilder nicht gezeigt werden„.

Bald keine News auf YouTube mehr möglich?

Nimmt man diesen Punkt ernst, stellt sich eine entscheidende Frage: Wie soll vernünftig über aktuelle Nachrichten gesprochen werden, wenn bereits das einfache Reden über ein sensibles Thema dazu führt, dass das Video seine Monetarisierung verliert? Würde YouTube diese Praktik konsequent betreiben, würden Kanäle wie LeFloid und Co. nicht mehr existieren, beziehungsweise seine Inhalte nicht mehr monetarisieren können.

Doch die Problematik geht noch weit über News-Themen hinaus. So wurde zum Beispiel von Luke Cutforth ein Video de-monetarisiert, in welchem sie über Depression spricht. Ein anderes Beispiel ist ein Video von Melanie Murphy, in dem das Thema Akne behandelt wurde oder Videos von Dr. Aaron Carroll, der über Gesundheitsthemen und Forschung spricht und von dessen Kanal bei insgesamt 27 Videos die Monetarisierung zurückgenommen wurde.

YouTube reagiert auf Vorwürfe

Auf die gewaltige Entrüstung der YouTuber und Fans reagierte YouTube nun mit einem Statement im Google Produktforum:

Statement YouTube

Screenshot des Statements von YouTube; Stand 03.09.2016

Liest man dieses Statement aber zwischen den Zeilen, heißt das nicht, dass die umstrittene Praxis der De-Monetarisierung angepasst, sondern lediglich die Transparenz mit der diese von nun an betrieben wird, geändert wurde.

Creator werden nun über De-Monetarisierung informiert

Bekamen es Creator vormals erst nach Monaten, Jahren oder sogar überhaupt nicht mit, dass ihre Videos de-monetarisiert wurden, werden sie nun in mehreren Schritten darüber informiert. So wurde eine farbliche Veränderung des Monetarisierungszeichens eingeführt, sollte die Monetarisierung zurückgenommen worden sein. Außerdem bekommt  man von nun an eine E-Mail mit dem entsprechenden Hinweis. Im dritten Schritt kann für das Video, welches zuvor durch einen Algorithmus de-monetarisiert wurde, eine zweite Überprüfung durch einen Mitarbeiter von YouTube beantragt werden.

Erheblicher finanzieller Verlust

Bis diese zweite Überprüfung stattgefunden hat, bleibt das Video allerdings de-monetarisiert und erwirtschaftet keine Einnahmen. Dies führt gerade in den ersten 24 bis 48 Stunden nach Veröffentlichung eines Videos zu erheblichen finanziellen Einbußen. Scheint dies für Philip DeFranco mit zwölf betroffenen Videos gerade noch verschmerzbar, haben andere News-Channels hier mit extrem hohen Verlusten zu kämpfen. So wurden von dem Channel Seeker Daily wohl über 150 Videos de-monetarisiert.

Für Gaming- und Vlog-Channel dürfte dieses harte Durchgreifen keine großen Folgen haben, aber News-Channel wie Seeker Daily dürften durch diese Schritte seitens YouTube ernsthaft in ihrer finanziellen Existenz bedroht sein. Kurzfristig scheinen Produktplatzierungen, Sponsorships, Merchandise-Verkäufe und Spenden die einzige Möglichkeit für diesen Channel, ihre Formate finanziell zu erhalten.

Auffällig ist jedoch, dass die Channels klassischer Sender, wie zum Beispiel von CNN, welche in ihren Nachrichten ebenfalls über Krieg, politische Konflikte und Naturkatastrophen berichten mit der De-Monetarisierung scheinbar nicht in Kontakt kommen und neben deren Videos weiterhin Werbung geschaltet wird.

Grund hierfür könnte der von YouTube geforderte nötige Kontext sein. So betont YouTube extra in den Werberichtlinien, dass hochqualitative Inhalte nicht immer von negativen Aspekten befreit sein können und dann das Thema im Kontext betrachtet werden soll. Doch hier steht abermals der Creator in der Pflicht, zum Beispiel durch einen eindeutigen Titel und Thumbnail diesen Kontext herzustellen. Bei klassischen Nachrichten- und Fernsehsendern scheint dies gegeben.

YouTube-Algorithmus sorgt für De-Monetarisierung

Die große Preisfrage ist jedoch, nach welchem Maßstab für andere Videos die Monetarisierung gesperrt wird. Bisher wurde seitens YouTube sehr gerne weggeschaut, wenn die YouTube-Richtlinien durch große Kanäle, „überstrapaziert“ wurden.

Abseits der Channel großer Nachrichtensender scheint der von YouTube eingesetzte Algorithmus, welcher für die De-Monetarisierung der Videos zuständig ist, den vorhanden Kontext nur sehr bedingt zu erkennen. Es scheint fast so, als würde er völlig willkürlich Videos flaggen die in irgendeiner Weise mit sensiblen Themen zu tun haben, ohne diese jedoch inhaltlich und im Kontext zu bewerten. Hier sollte YouTube dringend seinen Algorithmus überarbeiten und anpassen.

Vimeo – „Creator-friendly“ anstatt „Advertiser-friendly“

Dass es auch ganz ohne Werbung geht, zeigt die Videoplattform Vimeo. Die Betreiber betonen immer wieder, dass die Werbefreiheit genau den Vorzug ihrer Seite ausmacht, da die Creator so in ihrer Kunstfreiheit nicht beeinflusst werden und die volle kreative Kontrolle behalten.

In einer direkten Reaktion auf die Vorgänge bei YouTube veröffentlichte Vimeo prompt einen Blog-Eintrag mit einigen ihrer besten Staff Picks-Videos, welche sensible Themen und Inhalte behandeln. Diese hätten, wenn sie auf YouTube veröffentlicht worden währen, umgehend zu einer De-Monetarisierung geführt, da sie eben nicht „Werbekunden-freundlich“ sind. Auf Vimeo sind diese hochqualitativen Inhalte trotzdem willkommen. Vimeo betont so, dass die Videoplattform eben nicht „advertiser-friendly“ sei, sondern „Creator-friendliness“ im Vordergrund stehe. Dass diese Formate im zweiten Schritt trotzdem auch finanziell erfolgreich sein können, zeigen eine Reihe von Formaten, welche zum Beispiel von großen Sendern übernommen wurden. Zudem bietet Vimeo verschiedene Möglichkeiten den Content über die eigene oder Zweitplattformen zu verkaufen.

Wie geht es nun weiter?

Lässt man die Möglichkeit außer Acht, die Video-Plattform zu wechseln, so bleibt den YouTubern nichts weiter übrig, als kurzfristig mit dieser Situation zu leben und immer wieder gegen die De-Monetarisierung ihrer Videos vorzugehen, indem man diese zur Zweitüberprüfung einschickt. Längerfristig kann man für diese Kanäle nur hoffen, dass YouTube mit Hochdruck an einer Optimierung ihres Algorithmus arbeitet.

Beitragsbild von Philip DeFranco und David Cebulla




  • Das ist ja mal seltsam… Kurzgesagt hatte das Problem der Demonetarisierung übrigens auch.