Webvideo vs TV: In die Medienwelt hineingeworfen

In die Medienwelt hineingeworfen – Kolumne eines Digital Natives

Webvideo vs. TV: Der 17-jährige Redakteur Jona Kirchen schreibt, wie sich die Medienwelt aus der Sicht eines “Digital Natives” im letzten Jahrzehnt verändert hat — von Startschwierigkeiten, verstaubten Mattscheiben und schwindender Privatsphäre.

Ich lebe auf dem Land.

Nein, hier fahren nicht ausschließlich Kutschen — neben elektrischem Strom und Autos bin ich seit einigen Jahren sogar in den Genuss des Highspeed Internets gekommen. Man könnte meine Lage beinahe als fortschrittlich bezeichnen. Eine Lage, die sich erst im Laufe meiner Kindheit ergeben konnte.

Eine kurze Zusammenfassung: So, wie die Ziffer meiner Mbit/s-Anzeige stieg auch das Angebot an neuen Kommunikationsmöglichkeiten, sozialen Netzwerken und Informationsquellen im Laufe meiner Kindheit auf ein neues Level an. Mit dem Einzug Snapchats in Deutschland und YouTubern, die sich ins altbackene Fernsehen drängten, hatte sich die Medienwelt innerhalb eines Jahrzehnts komplett verändert und sogar einmal um die eigene Achse gedreht. Schlagartig zählt man sich zur Generation der “Digital Natives” — aufgewachsen im Internet.

Und ich bin mittendrin, maßlos überfordert, hineingeworfen in eine Medienwelt, die mir mit ihren neuen omnipräsenten Stars und einer völlig neuen Offenheit Bauchschmerzen bereitet. Wohin führt eine solche Entwicklung? Welche Grenzen muss ich in meiner eigenen Privatsphäre ziehen? Und was ist eigentlich aus dem Fernsehen geworden, das mich einst in den Bann und jeden Samstagabend aufs Neue mit funkelnden Augen vor die Flimmerkiste zog?

Wandel in drei Akten: Pumuckl, LeFloid und VideoDays

Von Anfang an: 2006, ein beliebiger Sonntagmorgen, 8:35 Uhr. Die Detektivgeschichten der Pfefferkörner aus Hamburg, die Abenteuer von Pumuckl und Meister Eder und oft auch das Sandmännchen bilden elementare Bestandteile und Highlights meines Tagesablaufes. Super RTL und Nick sind tabu, jedoch schaffe ich es hin und wieder, heimlich einen Blick auf eine Pokémon-Folge werfen zu können. Vom Internet hab ich zwar schon mal gehört, das World Wide Web wird jedoch strikt der Kategorie “Neuland” zugeordnet.

In den folgenden Jahren arbeite ich mich hoch: Die verbotenen privaten Fernsehsender reizen mich mehr und mehr. Während ich nicht nachvollziehen kann, warum sich Menschen bei Big Brother in jeglicher Lebenssituation filmen lassen, wieso Dieter einer Person ohne Gesangstalent einen Recall-Zettel in die Hand drückt und warum ein Mann in hochhackigen Schuhen durch das Abendprogramm von ProSieben stolziert, entsteht in mir nicht nur eine große Leidenschaft für die Samstagabend-Shows der Öffentlich-Rechtlichen, von Freunden wird jetzt auch das mir noch sehr befremdliche YouTube an mich herangetragen.

Webvideo vs TV Kolumne 2

Von nun an fährt mein abendliches Unterhaltungsprogramm zweigleisig. Coldmirror, Y-Titty und SpaceFrogs werden zu Idolen, das Fernsehen rückt immer weiter in den Hintergrund. Für mich steht YouTube von nun an als eine der wichtigsten Informations- und Unterhaltungsquellen über dem linearen TV. LeFloid statt Tagesschau, YouTuber-Merch statt Markenklamotten — neue Maßstäbe auf der Diskussionsplattform Nummer eins des kleinen Menschen: dem Schulhof.

Auf einen Schlag bin ich Teil des YouTube-zentrischen Weltbildes: Mein Tag richtet sich nun nicht mehr nach Schlafrhythmus und Prime Time, von nun an sind Uploadzeiten die neuen Gesetze, die aus meiner eigenen kleinen Revolution hervorgehen.

Sommer 2013. Wie gefühlt jeder pubertäre Kelly-, Unge- oder ApeCrime-Fan stehe auch ich in der prallen Sonne vor der Lanxess Arena in Köln. Für den Jungen vom Dorf sind die großen Menschenmassen unbegreiflich, die auf das viel zu kleine Gelände strömen und sich durch die Gänge der Arena quetschen. Im Nachhinein bleiben mir von diesem Tag genau drei Erinnerungen:

  1. Kreischende Menschenmassen, die sich ihrem Idol — getrennt durch eine von Security bewachten Treppe — näher fühlen als je zuvor.
  2. Ein überwältigtes Ich, das von einer Bühnenshow fasziniert ist, die mir nicht nur beinahe einen Hörsturz, sondern auch einige Momente beschert, in denen auch ich plötzlich Teil einer kreischenden Masse werde.
  3. Ein zitterndes Ich, stotternd vor den Idolen einer neuen Generation, die ihren Namen schnell auf ein Stück Pappkarton schreiben.

“Wer ist dieser YouTube?” – YouTube, Fernsehen, neue Konkurrenz

Tatsächlich bringt mich die Unwissenheit meiner Verwandtschaft ins Grübeln und auch die YouTube-Szene stellt ihre Rolle, Verantwortung und Glaubwürdigkeit in den folgenden Jahren immer wieder infrage: Wie authentisch ist YouTube? Sind YouTuber die neuen Stars? Ist YouTube die Zukunft des Fernsehens?

Webvideo vs TV Kolumne 4

Mir wird bewusst, dass die Internetplattform, die mich in den vergangenen Jahren so begeistert hat, auf Dauer in dieser Form nicht weiter bestehen kann. Irgendwann würde auch YouTube, ähnlich wie Facebook, die Luft ausgehen. Schließlich komme ich zu dem Entschluss, dass YouTube und Fernsehen langfristig wohl aufeinander zugehen müssen. In dieser Annahme bestätigt fühle ich mich zunächst durch die YouTube-Prominenz: “Das Leben einer arbeitslosen Schauspielerin” von Joyce Ilg und Fernsehmoderatorinnen, die mit einem Mal ihr Glück auf YouTube versuchen. Doch auch ein weiteres Event lässt mich über YouTube, das Fernsehen und die Menschen dahinter staunen:

Der Webvideopreis 2015. Knapp zwei Jahre nach meinen Fanboy-Eskapaden auf den VideoDays finde ich mich plötzlich inmitten von Anzug tragenden Videomachern vor einer Turnhalle wieder. Ich freue mich nicht nur über kostenlose Getränke, auch die YouTube-Szene scheint an diesem Tag selten harmonisch. Lediglich das “Jalina”-Shipping von Jan Meyer und Melina Sophie lässt mich mit einigen Zweifeln an der Seriosität dieser Szene zurück. Die Preisverleihung zeichnete sich jedoch durch eine Besonderheit aus: Erstmals wurde der Deutsche Webvideopreis auch im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt.

Es gibt ein Internetpreis im klassischen Fernsehen und einen Deutsche Fernsehpreis ohne TV-Ausstrahlung — verkehrte Welt. Das lineare TV und die Webvideobranche befinden sich auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft, nach meiner medienaffinen Intuition in eine Konvergenz. Während ich mich also mit linearem Fernsehen und der nonlinearen Webvideoszene gleichermaßen anfreundete, schlichen sich neue Mitspieler auf den Markt: Neben etlichen Streaming-Plattformen wie YouNow, Periscope oder MeerKat, hält auch Snapchat Einzug auf den Smartphones vieler Jugendlicher und ambitionierter Erwachsener.

Snapchat: Von Inszenierung bis Geheimniskrämerei

Frühjahr 2016. In einem Moment der Social-Media-abhängigen Schwäche ertappe ich mich dabei, mir Gedanken über die nächsten Snaps meiner Snapchat-Story zu machen. STOPP. Überlege ich mir gerade wirklich, wie ich einen für mich unwichtigen Moment möglichst imposant für meine ‘Snapchat-Follower’ inszenieren kann? Mich beschleicht ein Gefühl der Sensationsgierigkeit — im nächsten Moment lege ich einen aufdringlichen Farbfilter über das zehnte Bild der ländlichen Umgebung; der dunkle Lilaton verleiht den kahlen Bäumen gleich eine 80er-Jahre-Aerobik-Moden-Dramatik.

Abgesehen von einem zuvor nie da gewesenen Drang, meinen Instant-Messaging-Freunden einen möglichst spannenden, außergewöhnlichen und individuellen Tagesablauf in meiner Story zu präsentieren, drängt sich mit fortschreitender aktiver Snapchat-Nutzung und exponentiell ansteigendem mobilen Datenverbrauch vor allem die Frage nach meiner eigenen Privatsphäre in den Vordergrund. Während es sich eine ganze Riege an erfolgreichen YouTube-Stars nicht nehmen lässt, jedes einzelne Detail ihres Tagesablaufes mit der großen weiten Welt zu teilen, zählen mein Musikgeschmack, mein (nicht vorhandenes) Frühstück und eventuelle Duschschaum-Erlebnisse weiterhin zu den gut gehüteten Geheimnissen vor meinen etwa 30 Snapchat-Freunden.

Webvideo vs TV Kolumne 3

Facebookst du noch oder snapst du schon?

Schlussendlich zeigt mir die Entwicklung des letzten Jahrzehnts eines: Sowohl das lineare Fernsehen als auch die Webvideobranche entwickeln sich ständig fort und befinden sich im Umbruch — eine Konvergenz beider Medien ist beinahe unumgänglich. So geht das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen beispielsweise mit dem Jugendangebot ausschließlich im Netz an den Start, Multi-Channel-Networks, wie Endemol beyond, finden mit “FLiP” einen Sendeplatz im linearen Fernsehen.

Ferner zeigt sich auch eine gesamte crossmediale Entwicklung. Nicht nur ich habe meine Einstellung zu den verschiedenen neuen und ‘alten’ Medien in den letzten Jahren verändert — eine ganze Generation verfiel vor einigen Jahren in den Trend der Facebook-Nutzung, die mittlerweile wieder rückläufig scheint. Gleichzeitig gewinnt Snapchat zahlreiche junge Nutzer für sich und bietet völlig neue Nutzungsmöglichkeiten und Kommunikationswege. Handelt es sich bei dieser neuen Plattform etwa auch lediglich um einen vorübergehenden Trend?

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