Webvideo vs. TV: Ist YouTube die Zukunft des Fernsehens?

Webvideo vs. TV: Ist YouTube die Zukunft des Fernsehens?

Das lineare Fernsehen und YouTube kommen sich mit fortschreitender Digitalisierung näher als je zuvor. Doch wie sieht eine mögliche Zukunft der beiden Medien aus?

Nicht nur das Fernsehen zählt zu den wichtigsten Medien unseres digitalen Zeitalters. Auch Video-Plattformen wie YouTube, Facebook und Co. entwickeln sich mit fortschreitendem Wachstum und zunehmender Reichweite zu einem konkurrenzfähigen Medium. Doch können das lineare Fernsehen und Webvideo überhaupt nebeneinander existieren? Hat das Fernsehen seinen Zenit bereits überschritten? Und wäre eine Verschmelzung beider Medien möglich? Diesen Fragen widmen wir uns in der Artikelreihe “Webvideo vs. TV”. Zu dieser haben wir etwa mit Fernsehmoderatorin und YouTuberin Nela Lee, Webvideo-Produzent und Radio Bremen-Reporter dailyknoedel, Network Development-Manager von Endemol beyond, Lukas Schneider, und Webvideo-Produzent und neoTV-Lab-Gewinner Daniel Gatzke von SceneTake über das Thema gesprochen.

Zum Start haben wir uns mit der Entwicklung von Fernsehen und Webvideo, den wesentlichen Unterschieden dieser Medien und der Parallelnutzung von linearem TV und Online-Video-Content auseinandergesetzt.

Die Entwicklung von Fernsehen und Webvideo

Während das Medium Webvideo noch in den Kinderschuhen steckt, blickt das Fernsehen bereits auf eine über 60-jährige Geschichte zurück, die man nach Dominik Rudolph grob in drei Phasen unterteilen kann.

TV, Fernsehen, YouTube

Quelle: YouTube und Fernsehen: Konkurrenz oder Ergänzung?, Dominik Rudolph, 2014

Zu Beginn hatte es das Fernsehen leicht. In der „klassischen Ära“ des Fernsehens zwischen 1950 und 1980 machten es eine geringe Auswahl an Programmen und Alternativmedien sowie das Fehlen geeigneter Speichermöglichkeiten den Fernsehproduzenten leicht, möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Dies änderte sich durch die 1980 aufkommende „Multikanal-Ära“, in der Kabel- und Satellitentechnik den Empfang von einer Vielzahl an Kanälen ermöglichten und so das Programmangebot deutlich steigerten. Dies führte zu einer Verteilung des Publikums in verschiedene Nischen, die es den Programmmachern erschwerten, vergleichbare Einschaltquoten wie in der „klassischen Ära“ zu erzielen.

Diese Entwicklungen gehen der „Konvergenz-Ära“ des Fernsehens voraus, die seit 2006 fast parallel zur Entwicklung des Mediums Webvideo verläuft. Digitalisierung, Globalisierung und Individualisierung beflügeln den medialen Wandlungsprozess, der die Konvergenz der beiden Medien vorantreibt. Sie ermöglichen eine enorme Steigerung des Programmangebots und der Programmvielfalt.

Auch das Medium Webvideo entwickelt sich seit 2006 enorm. Ob Vimeo, Facebook oder Snapchat – im Internet existieren dutzende Plattformen, die von User-Generated-Content leben und damit täglich Milliarden von Klicks erzielen. Vor allem YouTube ist Synonym für die Entwicklung der Webvideokultur geworden. Schon seit 2005 existiert die Video-Plattform, die 2006 vom Internetriesen Google aufgekauft wurde. Inzwischen ist YouTube, laut Social Media-Atlas 2015/2016, das beliebteste soziale Netzwerk in Deutschland. Dabei haben laut einer OECD-Studie vor allem drei Faktoren die Entwicklung des Mediums vorangetrieben.

YouTube

Quelle: YouTube und Fernsehen: Konkurrenz oder Ergänzung?, Dominik Rudolph, 2014

In fast jedem Haushalt vorhandene leistungsfähige Breitbandanschlüsse, neue Softwaretools (z. B. Schnittprogramme, oder Bloggingsoftware) und die verbesserte technische Ausstattung, kommen Plattformen wie YouTube zugunsten, da den Usern so die Produktion und Verbreitung ihres eigenen Contents ermöglicht wird. Vor allem die technische Ausstattung birgt einige Vorteile für Video-Plattformen. Das Fernsehen zeichnete sich lange vor allem durch seine technische Überlegenheit aus. Heute können bereits mit den meisten Smartphones HD-Videos gedreht und danach direkt ins Internet gestellt werden. Die technische Überlegenheit des Fernsehens schwindet mit dem weiteren Fortschritt der Technik. Generell haben Webvideoplattformen einige Vorteile, die das lineare Fernsehen nicht aufweisen kann.

Entgrenzung der klassischen Fernsehstrukturen im Internet

Angebote können unabhängig von bestimmten Empfangsgeräten konsumiert werden, an die die Rundfunkmedien gebunden sind. Zudem beschränkt sich das Angebot nicht auf räumliche Begrenzungen. Stattdessen können weltweite Inhalte jederzeit abgerufen werden. Auch On-Demand ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren von Webvideoplattformen. Der Konsument muss sich nach keinem Sendeplan richten, sondern kann die für ihn relevanten Inhalte zu jeder Zeit online abrufen. Der nahezu unbegrenzte Speicherplatz ermöglicht des Weiteren eine nicht endende Programmvielfalt.

In den begrenzten Sendeplänen des Fernsehens lassen sich Nischenproduktionen schlecht unterbringen. Stattdessen wird auf Konzepte gesetzt, die eine große Anzahl von Nutzern interessieren. Was keine Quote bringt, wird abgesetzt. Dieser Erfolgsdruck existiert im Internet nicht im gleichen Maße. Durch die zeitliche und platztechnische Unabhängigkeit lassen sich alle nur erdenklichen Inhalte finden, die das Fernsehen nicht tragen kann. Auch kleine Nischenszenen werden bedient. Dieses zusätzliche Angebot von Videoplattformen wird als „Long Tail“ bezeichnet.

Quelle: YouTube und Fernsehen: Konkurrenz oder Ergänzung?, Dominik Rudolph, 2014

Quelle: YouTube und Fernsehen: Konkurrenz oder Ergänzung?, Dominik Rudolph, 2014

Zusammengenommen können alle Inhalte aus dem „Long Tail“ sogar mehr Zuschauer erreichen, als die reichweitenstarken Fernsehproduktionen. Außerdem können durch virale Effekte auch kleine Nischenproduktionen zu medialen Trends werden, die dann für das Fernsehen interessant werden können. Dieses unbegrenzte Angebot stellt allerdings auch einen großen Nachteil von Webvideoplattformen mit User-Generated-Content wie YouTube dar. Eine Informations-Überflutung und langes Suchen nach dem passenden Angebot fallen besonders ins Auge.

Auch die veränderte Rolle des Zuschauers bringt Webvideoportalen einige Vorteile. Während die Rollen von Produzent und Konsument im Fernsehen strikt festgelegt sind, findet auf Plattformen wie YouTube ein Hin- und Herspringen zwischen den Rollen statt. Es besteht somit die Möglichkeit, sowohl als Konsument, als auch als Produzent aktiv zu werden, gegebenenfalls in Form von Kommentaren am Content mitzuwirken. Diese Partizipationsmöglichkeiten bietet das Fernsehen bis jetzt nur in beschränkter Form. Das Internet hat es geschafft, eine neue Form von Produzent zu kreieren. Einen aktiven Mediennutzer, der daran interessiert ist, die Medienlandschaft mitzugestalten. Waren aus wirtschaftlicher Hinsicht bis jetzt vor allem finanzielle Aspekte ausschlaggebend für die Arbeit, die Produzenten für ihre Projekte aufwenden, kommen durch das Internet neue Aspekte hinzu. Anerkennung, Ruhm und Selbstdarstellung motivieren vor allem junge Nutzer, ihren eigenen Content zu produzieren.

Inzwischen versucht das Fernsehen gegenzusteuern. Mit Online-Mediatheken, Pay Per View-Optionen und SmartTVs wird den Zuschauern bereits eine große Vielfalt an OnDemand-Content geboten. Jedoch mangelt es weiter an einem echten Zusammenspiel zwischen Produzenten und Konsumenten.

Der YouTube Effekt

Allerdings stehen Webvideo und TV nicht nur in Konkurrenz zueinander, sie profitieren auch vom jeweils anderen. YouTube und andere Webvideo-Plattformen liefern den Rundfunkmedien sowohl Akteure als auch Bildmaterial. Dabei ist vor allem der Verbreitungsweg solcher Quellen interessant.

YouTube, Facebook, WhatsApp, Twitter, Fernsehen, TV

Quelle: YouTube und Fernsehen: Konkurrenz oder Ergänzung?, Dominik Rudolph, 2014

Das produzierte Video wird zunächst auf YouTube oder einer ähnlichen Plattform hochgeladen, auf der es dank viralen Effekten zum Gesprächsthema wird. Durch das Teilen auf anderen Social Media-Plattformen wie Twitter oder Facebook gewinnt das Video weiter an Relevanz, da diese sozialen Netzwerke aufgrund ihres hohen Potenzials für Viralität einen großen Einfluss auf den Erfolg eines Videos haben. Durch die wachsende Beliebtheit des Videos in den verschiedensten sozialen Netzwerken werden schlussendlich auch Fernsehproduzenten und Journalisten auf das Video aufmerksam, wodurch es in die Berichterstattung des Fernsehens und Printmedien aufgenommen wird.

Doch können Fernsehsender YouTube nicht nur als Quelle nutzen, sondern auch ihren eigenen Content einfacher verbreiten. Nutzer, die eine höhere Affinität zu Online-Videos aufweisen, werden auch Fernsehinhalte eher online anschauen. Dies wird als „YouTube-Effekt“ bezeichnet. Deshalb hat YouTube 2012 vielversprechende „Original Channels“ mit insgesamt über 100 Millionen Dollar finanziert, um Fernsehproduzenten und Fernsehinhalte auf YouTube zu „locken“. Denn YouTube selbst profitiert vor allem von dem Geld, das durch Investoren in Inhalte auf der Plattform investiert wird und möchte sich durch Kampagnen wie die „Original Channels“ möglichst attraktiv für Investoren aus dem Fernsehbereich gestalten. Schon jetzt werden viele Multi-Channel-Netzwerke von großen Fernsehsendern oder Produktionsfirmen finanziert oder gehören sogar zu diesen.

Auch die parallele Nutzung beider Medien ist ein zu beobachtender Trend. Auf Seite 2 unseres Artikel klären wir über den aktuellen Trend der zunehmenden Second Screen-Nutzung auf. Zudem beschäftigen wir uns mit einer möglichen Verschmelzung beider Medien durch Smart-TVs und dem steigenden Nutzungsverhalten von digitalen Medien in Deutschland.




  • Slini Elf

    Interessanter Artikel. Ich finde die Frage, ob Youtube oder das Fernsehn sich durchsetzten wird, nicht umbedingt leicht. Ihr habt geschrieben, dass „ein unabhängiges und folgenloses Existieren nebeneinander wohl die unwahrscheinlichste These darstellt“. Das sehe ich ganz genau so. Ich bin fest davon überzeugt, dass Fernsehn und TV miteinander verschmelzen werden. Genau genommen tun sie das aktuell schon.
    Die Mediatheken sind dieser Verbindungspunkt, auch wenn sie noch deutlich am Anfang ihrer Möglichkeiten sehen. Und die werden durch den Rundfunkstaatvertrag daran gehindert ihre volle Funktionalität auszubreiten. Schon unglaublich, was für unterschiedliche Reglungen zur Verweildauer von Videos es gibt (http://www.daserste.de/service/kontakt-und-service/verweildauer-100.html). Wenn der Rundfunkstaatsvertrag irgendwann mal geändert wird und ein Großteil der Videos (vorallem selbst produzierter Kontent der Sender) dauerhaft online archivert wird, wäre das ein sehr großer Gewinn.
    Ich denke, dass Youtube und TV in sofern verschmelzen, dass es irgendwann (hoffentlich) eine große große Mediathek geben wird (aller öffentlich-rechtlichen Sender + ein paar privater Sender?). Dort gibt es dann die Videos ondemand und Livestreams, in denen Inhalte aus der Mediathek zusammen geschnitten sind (= das heutige Fernsehn).
    Viele Grüße,
    Nils
    Übrigens: Das Team vom NeoMagazinRoyale wäre sicherlicher auch ein interessanter Interviewpartner. Die machen ja auch eine Art mix aus Mediathek und TV.