Mike Weissman

„Es wird in 10 Jahren außer Webvideos keine anderen Videoarten mehr geben.“ – Mike Weissman im Interview

Mike Weissman ist General Manger von Vimeo. Anlässlich der dmexco 2016 haben wir mit ihm über die Videoplattform Vimeo und den Webvideomarkt im Allgemeinen gesprochen. Dabei ging es unter anderem um die neue Mitgliedschaftsform Vimeo Business, Vimeo Staff Picks, die De-Monetarisierung von Videos auf YouTube und die Zukunft des Mediums Webvideo. 

Broadmark: Bei Vimeo tut sich aktuell viel. Wie habt ihr euch als Plattform in den vergangenen Jahren entwickelt?

Mike Weissman: Vimeo ist eine Plattform für Creator, um Videos hochzuladen, zu teilen und an seine Zuschauer auf der ganzen Welt zu verbreiten. Über die letzten Jahre haben wir sowohl unsere Technologie als auch die verschiedenen Arten von Creatorn, mit denen wir arbeiten erweitert. Außerdem haben wir uns primär auf nicht unterbrechende Werbeformate fokussiert.

Im Gegensatz zu konkurrierenden Plattformen, die den Fokus auf die Zuschauer legen, legen wir den Fokus in erster Linie auf den Creator. Wir möchten diesen erlauben, ihre Geschichten auf verschiedenste Arten und Weisen erzählen zu können, um so den Zuschauern die besten Stories und Inhalte zu bieten. Das war und ist uns besonders wichtig.

Broadmark: Mit Vimeo Basic, Vimeo Plus, Vimeo Pro und der neuesten Form Vimeo Business, stellt ihr dem Nutzer vier verschiedene Möglichkeiten zur Wahl eure Plattform zu nutzen. Was sind die Hauptunterschiede zwischen den verschiedenen Mitgliedschaften?

Mike: Vimeo Plus, Vimeo Pro and Vimeo Business zielen alle auf verschiedene Arten von Creatorn ab. Wir wollen alles abdecken, vom aufstrebenden Filmemacher mit Vimeo Plus, über den werdenden und bereits fortgeschrittenen Filmemacher mit Vimeo Pro, bis hin zu kleinen bis mittelgroßen Unternehmen mit Vimeo Business. Wir stellen also eine komplette Bandbreite von Tools und Features für diese verschiedenen Arten von Creatorn und deren Bedürfnisse bereit.

Hinsichtlich der Frage, worin die Pakete sich differenzieren: Jede dieser Mitgliedschaften, die wir bereitstellen, unterscheidet sich vom Speicherplatz, in verschiedenen Feature-Sets und in der Möglichkeit, mehrere Nutzer zur Unterstützung hinzuzufügen. Wir wollen jedes von diesen Produkten komplett auf die jeweiligen Zielgruppe ausrichten.  

Vimeo Business

Mit Vimeo Business veröffentlicht Vimeo eine neue Mitgliedschaft. Symbolbild von Vimeo

Broadmark: Mit Vimeo Business habt ihr dabei erst kürzlich eine neue Option gestartet…

Mike: Das ist richtig. Wir sehen, dass mehr und mehr Firmen damit beginnen, Video als Marketing-Mittel einzusetzen, um ihre Inhalte zu verbreiten. Dafür nutzen sie auch Vimeo, weshalb wir ein Produkt kreieren wollten, welches direkt auf diese Firmen abzielt. Vimeo Business ist nun erfolgreich gestartet und hat bereits eine Menge Unternehmen, die die neue Option nutzen.

Eines der wichtigsten Features von Vimeo Business ist dabei, dass wir es erlauben, bis zu zehn Nutzer zum gleichen Account hinzuzufügen. In der Vergangenheit gab es bisher nur „Ein-Nutzer-Accounts“.

Broadmark: Und in der Pro- und der Business-Mitgliedschaft ist außerdem Vimeo-on-Demand enthalten. Welche Möglichkeiten gibt mir dieser Service?

Mike: Mit dem Vimeo Pro- und dem Vimeo Business-Account bekommt man ebenfalls Zugang zu “Vimeo-on-Demand”, was einem erlaubt, die Videos direkt an deine Zuschauer zu verkaufen. Hierbei kann man den Preis, das Land und die Art des Verkaufes festlegen sowie, ob du dein Video über die gesamte Plattform vertreiben möchtest oder nur an deine Abonnenten.

Broadmark: Aber es gibt auch die VHX-Plattform, welche ein Vimeo-Unternehmen ist...

Mike: Wir veröffentlichten VHX vor ungefähr vier Monaten im Mai 2016. VHX ist eine solidere Funktionspalette für, wie ich sie nenne, Programmgeber und Medienunternehmen, die nach einem ähnlichen Veröffentlichungs-Modell schauen, wie es Netflix und HBO nutzen: Also eine OTT-Abonnenten Video-on-Demand-Lösung. Jeder kann so innerhalb von Stunden und nicht Wochen, mit sehr geringen Kosten veröffentlichen. Es ist eine komplette End-to-End-Suite von Apps: Mit herkömmlichen TV-Apps, im Web, auf dem Smartphone – das gesamte Erlebnis.

Vimeo VHX

Videos und Filme wie auf Netflix und Co. veröffentlichen? Das bietet Vimeo mit VHX. Symbolbild von Vimeo

Broadmark: Mit “Vimeo Staff Picks” hat Vimeo ein starkes Tool, um den Zuschauern dabei zu helfen, mehr hochqualitative Inhalte und Videos auf Vimeo zu entdecken. Auf YouTube gibt es auch eine Trend-Seite mit Video-Vorschlägen. Wo ist der große Unterschied zwischen diesen beiden Systemen und wie verläuft der Prozess, dass ein Video ein “Staff Pick” auf Vimeo wird?

Mike: Der größte Unterschied ist, dass wir keine Computer haben, welche unsere Videos verarbeiten. Wir nutzen Menschen und wir nutzen unser internes Redaktionsteam, um die besten Videos auf Vimeo zu finden, welche die Community hervorbringt. Das sind nicht notwendigerweise Videos, die trenden, denn Videos, welche trenden, können nur populär sein, das heißt aber nicht, dass diese auch hohe Qualität mit sehr guten Geschichten haben. Also stellen wir eine menschliche Komponente über all das. Das ist denke ich unser Hauptunterschied. Wir featuren ungefähr vier bis fünf Videos am Tag. Hierbei sind wirklich die unterschiedlichsten Videos mit dabei, die ich gesehen habe: von Short-Form-Webserien, über künstlerische Landschaftsvideos, bis hin zu erstaunlichen Animationsvideos.

Broadmark: Also sind es reale Personen, die die Videos auswählen?

Mike: Ja, wir haben ein Team, das den ganzen Tag Videos über die gesamte Vimeo-Plattform hinweg schaut und Videos findet, welche aufstreben, welche die besten Geschichten haben. Außerdem haben sie Kontakt zu den Creatorn. Und es ist auch die beste Plattform für Creator, um bekannt zu werden, aber auch für Programmierer und Medienunternehmen, um neue Talente zu finden.

Vimeo Staff Pick

Bei den Vimeo Staff Picks werden jeden Tag besonders gute Filme und Videos ausgezeichnet. Symbolbild von Vimeo

Broadmark: In den letzten Tagen und Wochen trat bei YouTube das Problem auf, dass die Monetarisierung von Videos deaktiviert wurde, da deren Inhalte nicht werbekunden-freundlich waren. Ist dies ebenfalls ein Problem auf Vimeo?

Mike: Nein, wir haben überhaupt kein Problem damit. Wir denken bei YouTube allgemein eher an Fernsehrundfunk, was bedeutet, dass es die größtmögliche Masse an Zuschauern bedient. Und während dieses Werbekunden unterstützende Modell eine Menge Einnahmen erzielt, verhindert es die Möglichkeit, Geschichten provokativ und ausgefallen zu erzählen. Und es erlaubt den Creatorn auch nicht, ihre Message in der Art und Weise zu erzählen, wie sie das möchten. Auf Vimeo haben wir keine unterbrechende Werbung und sind nicht werbeunterstützt. So sind wir in der Lage, Kreativität zu pushen, da wir keine Einschränkungen haben, was unsere Creator zu tun oder zu lassen haben. Wir sind total offen für diese Art von Inhalten.

Vimeo Cameo

Cameo – die Mobile-App von Vimeo; Symbolbild von Vimeo

Broadmark: Mobile-Video wird immer populärer. Mit “Cameo” stellt Vimeo ein interessantes Tool bereit, um Kurz-Videos auf dem eigenen iPhone zu erstellen. Was steckt dahinter?

Mike: Cameo ist eine mobile Schnitt-App, welche es momentan für iOS gibt. Mit Cameo können wirklich schnell und einfach Videos mit dem Handy aufgenommen und kombiniert, geschnitten und mit Musik unterlegt werden. Wir schauen tatsächlich nach potentiellen Wegen, um diese Funktionen tiefer in unsere Kern Vimeo-Funktionen zu integrieren. Denn wir denken, dass viele von den aufstrebenden Filmemachern mehr und mehr Videos auf ihren Handys erstellen werden, um sie dann für die breite Masse zu veröffentlichen.

Broadmark: Ist es geplant, “Cameo” auch für Android und andere Systeme herauszubringen?

Mike: Wir werden wahrscheinlich die Funktionen von “Cameo” in unserer Kern-Vimeo-App veröffentlichen und entwickeln neue Arten von Creator-Apps. Und diese werden komplett auf iOS, Android und auch auf anderen Geräten veröffentlicht.

Broadmark: Ebenfalls habt ihr bekanntgegeben, dass Vimeo zusammen mit “Lionsgate” einen Fernseh-Store eröffnet. Inwiefern kooperiert ihr zusammen?

Mike: Die wichtigen App-Stores wie iTunes, Amazon, Google Play erlauben den TV-Content nur in ungefähr fünf Regionen zu verkaufen. Darüber sind die Studios schon eine ganze Weile verärgert, weshalb wir nun gemeinsam mit Lionsgate zusammen arbeiten, um deren Fernseh-Content in 150 Regionen zu verkaufen.

Lionsgate stellt dafür sein gesamtes Hauptfernsehprogramm von „Mad Man“ und „Weeds“, bis hin zu „Orange is the new black“ in den Store ein. Diese Inhalte werden dann in 150 Regionen verfügbar sein. Hierbei ist wahrscheinlich, dass wir im Laufe der Zeit auch andere Studios außer Lionsgate hinzufügen werden.

Broadmark: Also wird das Programm auch in Deutschland verfügbar sein?

Mike: Absolut! Du kannst alle Lionsgate-Shows plus die von anderen Studios auch in Deutschland kaufen.

Vimeo, Videoplattform, 10-jähriges Jubiläum

Vimeo möchte seine Präsenz in Deutschland ausbauen. Symbolbild von Vimeo

Broadmark: Wo wir schon bei Deutschland sind. Wie wichtig ist der Markt in Deutschland für Vimeo im Allgemeinen?

Mike: Für Vimeo ist Deutschland eines von den Top-5 Ländern. Es ist tatsächlich der größte Markt von nicht Englisch-sprachigen Inhalten für Vimeo und es ist eines der Länder auf welches wir uns in den nächsten Jahren fokussieren wollen und mehr Präsenz zeigen werden. Deutschland hat einige der großartigsten Filmemacher, einige unserer Top Staff Pick-Filmemacher kommen aus Deutschland. Und so wollen wir unsere Präsenz steigern und anfangen, die Creator Base in Deutschland verstärkt zu unterstützen.

Broadmark: Wie viele Nutzer und Video-Creator nutzen Vimeo in Deutschland?

Mike: Genaue Zahlen können wir leider nicht veröffentlichen, aber Deutschland steht an Platz vier der Länder mit den meisten Views auf Vimeo, hinter den USA, Großbrittanien und Brasilien.

Broadmark: Was sind eure Pläne für Vimeo in der Zukunft? Und was sind speziell Projekte, die ihr für Deutschland plant?

Mike: In der Vergangenheit hatten wir nie wirklich eine lokale Präsenz in Deutschalnd und anderen Ländern. Also wollen wir damit starten uns mehr und mehr um Creator-Events zu kümmern. So wollen wir kleinere Filmfestivals unterstützen und uns so im Markt integrieren – ganz getreu unserer “Creator-first”-Einstellung.

Hierbei möchten wir als erstes auf die breite Masse der Creator abzielen und versuchen uns in Deutschland und in anderen europäischen Länder zu lokalisieren. Bisher waren wir fast nur auf die Präsenz in den USA fokussiert.

Broadmark: Und was sind im Allgemeinen eure Pläne für die Zukunft für Vimeo weltweit?

Mike: Als Vimeo wollen wir eine Plattform für alle Arten von Creatorn sein, um Videos zu teilen und zu verbreiten, genauso wie Videos direkt an ihre Zielgruppe zu verkaufen. Und eines der Dinge, die wir fokussieren, ist, diese Kerntechnologie-Funktionen für Creator zu entwickeln. Wir möchten uns außerdem darauf konzentrieren unser Bild- und Zuschauer-Erlebnis zu verbessern. Das sind zum Beispiel die Wege, wie Kunden auf unsere Seite kommen und auf Vimeo relevanten Content suchen und entdecken. Und wir möchten natürlich erreichen, dass die Creator auf Vimeo ein größeres Publikum und damit mehr Zuschauer erreichen. 

vimeo

„Es wird in zehn Jahren außer Webvideos keine anderen Videoarten mehr geben.“ – Mike Weissman. Symbolbild: Montage basierend auf CC Material von Flickr

Broadmark: In Zeiten von Snapchat, Twitter, Facebook, YouTube und natürlich auch Vimeo und anderen Webvideo-Plattformen entwickelt sich das Medium Webvideo unglaublich schnell. Wo siehst du Webvideo in der Zukunft?

Mike: Es wird in zehn Jahren außer Webvideos keine anderen Videoarten mehr geben. Ich denke, das was passiert, ist, dass das Webvideo tatsächlich alle anderen Videoarten übernimmt. Man wird einen enormen Wandel von der existierenden Infrastruktur sehen, welche zusammenbricht und zum Webvideo hinführt und endet. Das bringt uns neue Arten von Creatorn und Programmmacher, bei denen wir an der vordersten Front stehen möchten.

Broadmark: Vielen Dank für das Interview!

Interview von David Cebulla
Übersetzung aus dem Englischen von David Cebulla und Corinna Schlun
Beitragsbild von Mike Weissman