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Das kaputte System YouTube: Warum mir die Plattform immer weniger Spaß macht

Chefredakteur Lukas Menzel schreibt, warum ihm YouTube immer weniger Spaß macht und er die Entwicklung der Plattform kritisch betrachtet.

YouTube ist schon lange nicht mehr die Plattform, die es einmal war. Dies stelle ich bereits seit längerer Zeit immer wieder fest und frage mich, wie durch die Professionalisierung und Kommerzialisierung YouTube von einem kreativen Nirvana zu einem klickgesteuerten, reichweitenoptimierten TV-Abklatsch entwickelt hat. Eine all umfassende Antwort auf diese Fragen habe ich natürlich nicht und gibt es wahrscheinlich auch gar nicht. Die aktuellen Entwicklungen zeigen mir jedoch, dass YouTube immer mehr zu einer Plattform wird, die mir weniger Spaß macht und wo ich bei immer mehr Videos einfach nur den Kopf schütteln muss.

Titten-Thumbnails, Clickbait-Titel und mehr

Dies bestätigte sich erst kürzlich mal wieder, als Gronkh ein Foto auf Facebook postete, wo er die Unterschiede zwischen verschiedenen Videos zeigte, bei denen er nur die Thumbnails und den Titel geändert hatte. Während die Folge seines Let’s Plays des Spiels Banished mit dem “normalen” Thumbnail auf 70 000 Klicks, 1 900 Likes und 250 Kommentare kam, schaffte es die kommende Folge mit einem der berüchtigten Titten-Thumbnails und dem stark reißerischen Titel inklusive Caps Lock “YouTube wird PROFESSIONELL!” zu mehr als doppelt so vielen Aufrufen, Kommentaren und Likes. Wohlgemerkt der Inhalt war natürlich der selbe.

Doch während bei Gronkh dies nur ein Test war, sind solche Arten von Thumbnails und Clickbait-Titeln bei zahlreichen YouTubern inzwischen Standard. Dies verwundert wenig, erreichen Videos mit besonders reißerischen Titeln und Thumbnails überdurchschnittlich viele Videoaufrufe, sodass es fast egal scheint, welche Inhalte sich letztendlich hinter dieser “künstlichen Fassade” verbergen.

Während ich mich damit aber mittlerweile abgefunden und bislang Kanäle mit solchen Methoden gemieden habe, bin ich in den letzten Wochen leider unfreiwillig mehrfach mit solchen Videos in Berührung gekommen. Hierbei musste ich feststellen, dass inzwischen nicht mehr nur die Thumbnails und Titel aus dem Nachmittagsprogramm von RTL2 stammen könnten, sondern auch inhaltlich das Niveau mit dem ach so oft kritisierten und lächerlich gemachten TV-Sender vergleichbar ist. Schuld hieran sind in erster Linie die neue Funktion YouTube-Trends, welche scheinbar vor allem Videos mit eben solchen Aufmachungen und Inhalten belohnt, sowie die Autoplay-Funktion, mit der solche Videos automatisch nach eigentlich komplett anderen Videos folgen.

Durch diese “tollen Features” bin ich etwa auf den Beef zwischen den mir bis dahin hauptsächlich inhaltlich unbekannten YouTubern Leon Machère, Mert Matan und Apo Red gestoßen. Wie man es eigentlich nur von Z-Promis gewohnt ist, warfen sich diese in aller Öffentlichkeit allerlei belanglose Schuldzuweisungen zu und stritten sich mit einer Dramaturgie, die auch aus “Mitten im Leben” stammen könnten. Dies zahlte sich in Millionen von Views, einem Abowachstum von bis zu 20 Prozent im Januar und heftigen Diskussionen in den Kommentaren bei allen Beteiligten aus. Nachdem der ganze Trubel den Dreien anscheinend zu viel wurde, folgte schließlich wie aus dem Drehbuch heraus die große “Versöhnung”.

Der kaputte YouTube-Algorithmus

Würde es jedoch hierbei bleiben, könnte man ganz einfach wie auch im Fernsehen diese Kanäle meiden. Dank dem YouTube-Algorithmus wird es jedoch fast unmöglich solchen Inhalte nicht zu begegnen. Während in den ersten Jahren von YouTube noch Videos nach Inhalten auf die Startseite platziert wurden, geht es bei YouTube heute nur noch um Views, Videos mit einer hohen Watchtime und anderen Parametern, von denen vor allem solche reißerischen und inhaltsleeren Videos profitieren. Ohne Empfehlungen von außerhalb ist es fast unmöglich geworden auf YouTube neue, kreative und innovative Creator zu entdecken. Stattdessen empfiehlt der Algorithmus einem lieber den X-ten Let’s Player, das 1 000. „10 Dinge, die…-Video“ oder andere “angesagte” Inhalte.

Dies stört dabei nicht nur mich als Zuschauer, sondern inzwischen auch viele Creator. Immer mehr YouTuber haben keine Lust mehr Challenges, Top-Listen oder andere Videos zu machen, nur damit diese vom YouTube-Algorithmus gut gerankt werden. Erst vor Kurzem veröffentlichte zum Beispiel AlexiBexi ein Video mit dem Titel: “Warum mein YouTube nicht immer lustig ist.” In diesem erklärte er, dass er seine Videos nicht mehr nur auf möglichst viele Klicks optimieren wolle, sondern es ihm egal sei, ob seine Videos nun 10 000 oder 1 000 000 Mal geschaut werden. Aus diesen Gründen möchte er nun frei von irgendwelchen Zwängen seine Videos machen und diese dann rausbringen, wenn sie fertig sind und nicht, wenn der nächste Uploadtag ansteht.

Auch die YouTuber AppleWar Pictures gaben vor einigen Wochen ein Statement zu diesem Thema ab. So erklärten sie, dass sie sich nicht mehr von YouTube dazu zwingen lassen wollen, wie regelmäßig ihre Videos kommen und welche Art von Videos sie machen sollen. Aufhören mit YouTube möchten AppleWar aber nicht, sondern lieber Videos machen, die ihnen Spaß machen und die nur ihren Vorstellungen entsprechen.

Während manche YouTuber sich damit dazu entscheiden wieder zurück zu ihren Wurzeln zu gehen und frei von irgendwelchen Regeln Videos zu machen, ist es bei manchen YouTubern inzwischen soweit, dass sie gar keinen Spaß mehr an YouTube haben. Diese Woche gaben gleich zwei reichweitenstarke Creator aus Deutschland bekannt, dass sie vorerst mit YouTube aufhören möchten. So entschieden sowohl UFONETV, der erst kürzlich die eine Million Abonnenten knackte, als auch das YouTube-Urgestein Commanderkrieger sich vorerst von der Plattform zu verabschieden. Jonas alias UFONETV begründete dies dabei vor allem darin, dass er festgestellt habe, in den letzten Monaten nicht mehr der Junge gewesen zu sein, der Videos gemacht habe, weil ihm dies Spaß machte. “Alles war nur noch eine Frage der Zahlen, der quantitativen Faktoren die zählten. Sonst nichts mehr”, schreibt er unter seinem “Abschiedsvideo”. Ganz aufhören möchte er jedoch nicht, sondern sich vorerst nur eine Pause nehmen, um wieder auf kreative Ideen zu kommen und nicht mehr nur den “Standard-0815-Shit” zu machen.

War’s das YouTube?

Wie die Entscheidungen von UFONETV, AlexiBexi, Commanderkrieger, AppleWar und Co. zeigen, scheinen somit mittlerweile einige, wenn auch wenige, Creator aus dem “System YouTube” ausbrechen zu wollen. Statt mit reißerischen Titeln, Titten-Thumbnails und weiteren Optimierungen darum kämpfen zu müssen, möglichst viele Views zu ergattern, möchten diese sich lieber auf das, was YouTube früher einmal ausgemacht hat, konzentrieren: Kreativität und Spaß.

Diese Werte stellen vermehrt auch Newcomer und weniger bekannte Creator, wie Jonah Plank, die New Age Creators oder FloVloggt (meine persönlichen Empfehlungen) in den Vordergrund. Diese sind noch auf YouTube, um sich nicht nach den Spielregeln des Algorithmus‘ zu richten, sondern — wie ich finde — einfach geilen Scheiß zu produzieren. Damit schaffen es diese, YouTube noch zu einer Plattform zu machen, auf der zwar Professionalisierung, Reichweitenoptimierung sowie Kommerzialisierung eine immer größere Rolle einnehmen, es jedoch auch noch einen Lichtblick am Ende des Tunnels gibt.

Noch möchte ich nicht glauben, dass sich YouTube nur in Richtung RTL-Niveau, Algorithmus angepasster Videos und Profitgier entwickelt. Und noch habe ich die Hoffnung, dass YouTube weiterhin auch eine Plattform bleiben wird, auf der es fernab des Mainstreams kreative Creator gibt, auf der sich weiterhin anspruchsvolle und gut produzierte Videos finden und auf der man auch mit Inhalten fernab von ausgelutschten Formaten wie Let’s Plays, Challenges und Top-Listen Erfolg haben kann.

Dieser Artikel spiegelt lediglich die Meinung des Autors wieder. 




  • Lengano

    Es ist wirklich extrem schwer geworden noch als gewöhnlicher Let’s Player wie ich, die Spitze des Turms zu erreichen, wenn man versucht sich gegen hochrangige Minecraft Let’s Player wie Dner, Unge, GLP, Paluten und etc. durchzusetzen, in dem man Normale Spiele spielt. Oder wenn die Beauty Szene nur noch durch Challenges und Product Placements beherrscht wird. Ich mache seit letzten Jahr (Sommer 2015) Let’s Plays auf YouTube, aber traditionell gesehen wie der Großmeister Gronkh. Ohne Tittenthumbs, CLICKBAIT Titel usw. Weil es einfach falsch ist, sich so die Klicks zu angeln. Ich gebe zu, ich bin nicht allzu Perfekt in Wort und artikulation wenn ich ein Spiel aufnehme. Das macht aber nichts. Ich bin ich und ich werde mir selber treu bleiben. Das hab ich mir fest vorgenommen. Ich habe mit Let’s Plays angefangen, weil ich die Hoffnung im Berufsleben aufgegeben habe. Ich habe zwar ein Aushilfsjob und komme jeden Monat über die Runden. Dennoch im Wissen, das es auch AdBlocker gibt, wollte ich mit YouTube durchstarten und mir paar Euros nebenbei zu verdienen.

    Ich selber schaue auch nur gewisse große und kleine YouTuber aufgrund Ihres Contents und Charakters.

    Ich werde weiterhin versuchen mich durchzusetzen. Den ich habe so viele Ideen im Kopf die ich gerne in die Tat umsetzen will, wenn ich mal eine gewisse Abonnentenzahl geknackt habe 🙂

  • Kai Voss

    Die Youtuber sind zum Großteil aber auch selbst schuld, dass Youtube zu einem RTL des Internets mutiert ist, in dem der schnelle Klick und der damit verbundene schnelle Euro alles zu sein scheint.

    Wenn YouTuber wieder freie Kreativität haben wollen, dann sollten sie ihre Partnerschaft kündigen und wieder zu einem gewöhnlichen Youtuber-Status zurückkehren. Der Nachteil wäre, dass sie dann kein oder nur sehr wenig Geld verdienen würden, aber das wäre auch wieder gut, da dieser Niveau-Verfall erst seitdem eingestzt hat, seit man auf Youtube richtig Kohle scheffeln kann. Was spricht dagegen, wenn man einfach nur noch Videos als Hobby und an der reinen Freude macht und dafür kein Geld erwartet?

    Die Kreative Vielfalt würde wieder steigen, ebenso die Qualität der Videos. Nen Schriftsteller oder Filmemacher würde auch nur Müll abliefern, wenn er von seiner Agentur dazu gedrängt würde jede Woche neuen Content abzuliefern, der auch noch möglichst profitabel sein muss.

    So wie Youtube jetzt läuft, ist es eine Abwärtsspirale aus Clickbait-Müll, unter denen wirklich gute Videos und Uploader viel zu oft einfach so verschüttet werden und dann keine Beachtung finden.

  • krono

    Der YouTube Algorhythmus unterstützt leider Leute die jeden Tag / Woche meistens mittelguten Content bringen. Leute die ein bisschen seltener dafür aber wirklich hochqualitative Inhalte bringen gehen unter. Das ist schade.
    Man sollte sich (falls man selber auch Videos macht) einfach auf keinen Uploadplan einlassen . Sonst werden die eigenen Inhalte immer schlechter und der Spass geht verloren. Dank dem Algorhythmus ist auch vielen die Lust verloren gegangen etwas neues auszuprobieren weil es nicht wirklich beachtet wird.
    Ich wäre froh wenn sie einen neuen Tab einführen: Discover. Mein grosser Wunsch für die Plattform.
    Ausserdem sollten Leute die falsche Content-ID Claims erstellen auch so ein Strike System besitzen. Das ist sonst unfair.