Webvideo vs. TV: Interview Dailyknoedel Fabian Nolte

Webvideo vs. TV: Interview mit dailyknoedel

Das lineare Fernsehen und YouTube kommen sich mit fortschreitender Digitalisierung näher als je zuvor. Doch wie sieht eine mögliche Zukunft der beiden Medien aus?

Im zweiten Teil unserer Artikelreihe „Webvideo vs. TV“ geht es um Fabian Nolte, der auf YouTube mit seinem Kanal „dailyknoedel“, sowie als Reporter für den öffentlich-rechtlichen Sender Radio Bremen Vier aktiv ist. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen mit beiden Medien gesprochen, und wollten wissen, wie er sich die zukünftige Entwicklung vorstellt.

Hinweis: Das Interview haben wir bereits vor Jahreswechsel geführt. Die Wochenwebschau mit Fabian wird 2016 nicht mehr fortgesetzt, jedoch plant das Team der Digitalen Garage von Radio Bremen vier neue Formate.

Broadmark: Der Programmchef von Bremen Vier, Helge Haas, beschreibt dich als „Monsieur Hulot des YouTube-Universums“. Wie würdest du selbst deinen Kanal und deinen Humor im Allgemeinen beschreiben?

Fabian: Es ist ein leiserer Humor, es ist kein „Hau drauf“-Humor. Ich würde sagen, es geht schon in die Richtung Loriot, noch ein bisschen bissiger als Loriot, momentan auch ein bisschen tagesaktueller. Aber es ist schon eher so ein ironischer, sarkastischer Humor.

Broadmark: Du bist nicht nur als Webvideoproduzent tätig, sondern arbeitest auch beim Radiosender Bremen Vier. Was hat dich dazu bewogen, auch als Reporter/Moderator in die Medienwelt hineinzuschnuppern?

Fabian: Also erstmal das Angebot (lacht). Wenn das kommt, ist das ja schon mal ganz schön. Und außerdem war es ja immer schon ein mögliches Ziel. Ich war auch schon vor meiner YouTube-Zeit sehr medienbegeistert und von daher war auch klar, dass mein Weg irgendwie in diese Richtung führen wird. Ich ging immer davon aus, dass ich vorher noch zehn Studiengänge und 500 Ausbildungen belegen muss, bis ich da irgendwie reinkomme. Jetzt hat sich der ganze Prozess etwas beschleunigt, von daher hab ich das natürlich dankend angenommen. Und ich wollte ja auch nochmal ganz andere Ausspielwege ausprobieren. Radio ist ja nochmal etwas ganz anderes als YouTube, genauso wie Fernsehen. Und es macht bei jedem Medium Spaß, es zu bespielen.

Broadmark: Du hast erst kürzlich mit Bremen Vier die wöchentliche „Comedy-Kurzclipserie“ „Bad Jobs“ produziert. Ist es ein erfolgreiches Projekt für dich?

Fabian: Also ich finde, Bad Jobs ist ein Erfolg. Ich hab mich mit Bremen Vier auch darüber unterhalten, und wir sind beide der Meinung, dass es ein Erfolg ist. Wir haben keine Millionen Klickzahlen gemacht, aber wir haben – und das ist eigentlich schon ein großer Erfolg – die Klickzahlen, die ich statistisch auf meinen Kanal habe, meistens etwa 5000 Views, beibehalten können. Und ich denke am Ende waren die Zuschauer auch alle zufrieden. Abgesehen davon habe ich persönlich natürlich sehr viel gelernt und wir haben es geschafft, uns einander irgendwie anzupassen. Es war ja tatsächlich das erste Mal, dass Bremen Vier an so einer Webserie gearbeitet hat. Und es war für mich das erste Mal, dass ich mit einem öffentlich-rechtlichen Sender gemeinsam etwas produziert habe. Ich denke, wir haben da einen schönen Mittelweg gefunden.

Broadmark: Bad Jobs“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie man diese beiden unterschiedlichen Medien verbinden kann. Welche Möglichkeiten siehst du denn generell noch bei der Verbindung oder Interaktion dieser beiden unterschiedlichen Medienwelten?

Fabian: Naja, die Wochenwebschau macht es ja vor, die läuft auf tagesschau24 und EinsPlus, den Digitalkanälen, das ist jetzt nicht so das typische Fernsehen. Es wird ja auch von Fernsehleuten gemacht und läuft überwiegend im Netz, also das funktioniert. Die ganze 301+-Truppe macht das ja auch vor mit ihrem 1080°NerdScope, dass das auch funktionieren kann. Wobei ich denke, dass man bisher noch nirgendwo die perfekte Möglichkeit gefunden hat, Fernsehen und Internet so zu verbinden, dass beide gleichwertig sind. Das Neo-TV-Lab hab ich jetzt ganz aufgeregt verfolgt, weil das ein sehr schöner Ansatz ist. Also Netzköpfen die Möglichkeit zu geben, Netzclips auf einem höheren Produktionsstandard fürs Fernsehen zu produzieren.

Broadmark: Was denkst du: Bist du jetzt hauptberuflich eher Webvideoproduzent oder Reporter/Moderator für Bremen Vier?

Fabian: Ich mache beides, glaube ich, gleichwertig. Wenn man sich nur auf das Finanzielle fokussiert, dann bin ich hauptberuflich Moderator/Reporter, von dem YouTube-Kanal kann man ja nicht wirklich leben. Zeitlich gleicht sich das aber aus. Ich stecke genauso viel Zeit in die Bremen-Vier-Geschichten wie in meinen YouTube-Kanal.

Broadmark: Welche zusätzlichen Aufgaben ergeben sich bei der Produktion beispielsweise der Wochenwebschau, die du bei der Produktion eines YouTube-Videos nicht hast?

Fabian: Also bei der Wochenwebschau müssen wir zum Beispiel müssen schon noch mehr darauf achten, journalistische Regeln einzuhalten. Wenn ich auf meinem YouTube-Kanal etwas Falsches erzähle, dann ist das halt so, dann entschuldige ich mich dafür, und nehme dafür selbst maximal als Person einen Glaubwürdigkeitsschaden. Wenn die Wochenwebschau, die ja auch noch ein bisschen mit der Tagesschau verknüpft ist, Schaden in der Glaubwürdigkeit nimmt, weil sie etwas falsch recherchiert, dann ist das noch etwas schlimmer. Und dann regen sich auch noch mehr Personen in Führungspositionen drüber auf. Da muss man etwas Rücksicht nehmen. Auf meinem YouTube-Kanal kann ich keine Publikumsbeschwerde, oder wie auch immer das heißt, kriegen. Also da muss man doch tatsächlich alles nochmal doppelt checken, bevor man etwas raushaut. Nichtsdestotrotz haben wir bei der Wochenwebschau schon recht viele Freiheiten, das ist schon nicht normal für den öffentlich-rechtlichen Apparat.

Broadmark: Du hast es ja gerade schon angesprochen, dass relativ viele YouTuber ins Fernsehen gehen oder eigene TV-Shows bekommen, beispielsweise 1080°NerdScope. Wie beurteilst du den derzeitigen Wandel bzw. die Vermischung dieser beiden Medien? Könntest du dir zum Beispiel eine eigene TV-Show vorstellen?

Fabian: Ja klar, da hätte ich auch großen Spaß dran. Ich finde es generell begrüßenswert, dass sich der ganze Kampf jetzt mal gelohnt hat. Es fing ja schon 2010 an, dass erste verbale Angriffe aufs Fernsehen geäußert wurden. Damals waren noch alle gegen das Fernsehen – heute tun alle immer noch so, als fänden sie Fernsehen ganz kacke, aber die klugen Webvideoleute haben schon verstanden, dass da immer noch das meiste Geld liegt und auch mehr handwerkliche Kompetenz. Das ist ja auch nicht verwerflich, im Gegenteil: ich find’s schön, dass das Fernsehen anerkannt hat, dass im Webvideobereich kreative Leute aktiv sind, die Bock haben etwas zu machen, und denen auch etwas Vertrauen entgegenbringt. Das war vor ein paar Jahren noch undenkbar. Es ist schön, dass man beim Fernsehen nicht mehr diese Arroganz gegenüber diesen „Webvideo-Spinnern“ hat. Zumindest nicht in den coolen Regionen der Fernsehlandschaft.

Broadmark: Auch heute äußern sich noch vermeintliche Experten dahingehend, dass das Fernsehen „seinen Zenit überschritten“ hat. Glaubst du, dass YouTube das Fernsehen in absehbarer Zukunft ersetzen könnte oder meinst du, dass es bei dieser gleichwertige Existenz bleiben wird?

Fabian: Das wird sich irgendwie einpendeln, dass sich da eine gleichwertige Existenz aufbaut. Das Fernsehen wird sich noch weiter in Richtung Webvideo entwickeln, entwickeln müssen – das passiert ja auch mit dem Jugendkanal. Und trotzdem glaube ich, dass klassische Fernsehangebote, wie etwa Late-Night-Shows oder längere Sendungen – ob sie nun auf dem Gerät, oder eher on demand stattfinden – nicht aussterben werden.

Broadmark: Welchen Mehrwert bietet denn YouTube im Vergleich zum TV?

Fabian: Das ist auf jeden Fall der Rückkanal. Ich habe dadurch ja eine sehr viel engere Zuschauerbindung. Ich habe auch im Gegensatz zum TV nicht so eine Längen- oder Formatvorgabe. Wenn ich ein Video machen möchte das 15 Minuten geht, dann mach ich das halt. Das zerstört dann zwar meine Publikumsbindung, aber das ist dann eben so. Beim Fernsehen gibt es feste Sendeplätze und die muss man irgendwie füllen. Wenn man wenig Stoff hat muss man zusehen, dass man sich mehr aus dem Finger saugt. Wenn man zu viel Content hat, dann muss man kürzen. Also das hat alles ein wesentlich festeres Korsett. Außerdem haben auf YouTube auch die Underdogs eine Chance, da kann man schneller viral gehen. Schönes Beispiel ist Fynn Kliemann. Wäre Fynn Kliemann zum MDR gegangen und hätte gesagt „ich will ’ne Heimwerkersendung haben“, hätten die ihm erstmal ein Volontariat gegeben, dann hätte er da zwei Jahre durch alle Abteilungen gehen müssen und dann hätte er in irgendeinem Regionalmagazin beweisen müssen, dass er vor der Kamera funktioniert. Dann hätten sie ihm im Nachtprogramm einen Piloten gegeben, und nach fünf Jahren hätte er dann eine erfolgreiche Heimwerkersendung gehabt. Jetzt hat er zwei Videos hochgeladen, die gut waren, und alle reißen sich um ihn. Das gibt natürlich auch den Künstlern viel mehr Macht.

Broadmark: Die Webvideoszene und auch die Plattform YouTube verändern sich zurzeit sehr rasant. Empfindest du die derzeitige Entwicklung von YouTube als positiven oder doch eher negativen Wandel?

Fabian: Ich empfinde es eigentlich schon seit Beginn als negativen Wandel, das liegt vielleicht einfach an meiner kritischen Grundhaltung. Aber es wird irgendwie anstrengender. Menschen wie Katja Krasavice werden mehr geguckt, Bibi und Dagi, und wenn man sagt, man ist YouTuber, dann muss man sich immer davon distanzieren, was die da so veranstalten. Also es ist oberflächlich geworden. Die Leute, die was können, gehen auch völlig zurecht in Richtung Fernsehen, weil sie da mehr Möglichkeiten haben, mehr Chancen. Die, die nichts können, sich nur selbst darstellen und sich selbst als Inhalt haben, die werden auf YouTube gerade erfolgreich. Und das deprimiert ein bisschen.

Broadmark: Was sollte dich denn deiner Meinung nach in der Webvideoszene ändern?

Fabian: Vielleicht müssen die Macher etwas mehr Verantwortungsbewusstsein haben, in dem was sie pushen, in dem wie sie sich verkaufen. Das wird aber, denke ich, nicht passieren, so lange genug Geld da ist. Ich weiß nicht, ob vielleicht von YouTube aus etwas passieren sollte, die haben das ja nun schon öfter gemacht, dass die Geld in den Markt gepumpt haben – auch für gute Sachen. Ich bin da schlecht im Forderungen stellen. Vielleicht muss auch einfach mehr Mut da sein, gute Sachen zu fördern und dann keine Millionen Klickzahlen zu erwarten. Vielleicht sollte man nicht so Konzepte machen wie die Hometown Heroes von Mediakraft, die so mega durchoptimiert sind, aber halt trotzdem so trivialer Scheiß, und sich stattdessen mehr trauen. Webvideo ist ja total eingefahren auf das, was bisher funktioniert hat. Da passiert ja gar nicht so viel Neues.

Broadmark: Was könnte sich hingegen beim Fernsehen verändern, grade in Bezug auf der Existenz von Webvideo?

Fabian: Ich glaube, auch da muss man sich mehr trauen! Man kann nicht in die Webvideo-Szene reingehen und versuchen, das zu imitieren, was grade schon funktioniert. Man muss sich seiner Stärken bewusst sein, und das ist nun mal das Handwerk, das Equipment und das Geld, das halt immer noch mehr da ist. Die gewisse finanzielle Sicherheit, die so ein Fernsehsender hat, muss man einfach ausspielen und Sachen produzieren, die vielleicht noch nicht da waren, aber trotzdem funktionieren können. Und ja, die Arroganz ist ja schon ein bisschen geschwunden, das ist sehr schön, aber vielleicht lohnt es sich tatsächlich, sich mehr zu trauen und Webvideo als ernstzunehmendes Medium auf Augenhöhe zu sehen.

Broadmark: Was würdest du sagen, wie „erwachsen“ ist YouTube? Steckt YouTube noch in den Kinderschuhen und inwiefern ist das Fernsehen erwachsener?

Fabian: Das Fernsehen ist insofern erwachsener, dass es mehr in Strukturen gegossen ist und schon länger nach dem gleichen Prinzip funktioniert. Bei Webvideo haben sich diese Strukturen jetzt erst aufgebaut, es hat sich gezeigt, was funktioniert und wo man die Prioritäten setzen muss. Das Fernsehen ist einfach eine laufende Maschine, die halt inzwischen so ein Schema F entwickelt hat. Das ist beim Webvideo noch nicht so. Trotzdem denke ich, Webvideo wird da in den nächsten Jahren recht schnell erwachsen werden. Das kommt mit dem Geld, das ist wie im echten Leben: Wenn das Geld kommt, dann muss man auch ganz schnell erwachsen werden.

Broadmark: Also bist du noch optimistisch, dass sich das alles noch bessern wird?

Fabian: Joa. Das wird sich schon alles irgendwie einpendeln. Wär schade wenn nicht. Ich glaube, man muss mit einem gewissen Optimismus da rangehen, sonst kann man’s auch lassen.

Broadmark: Vielen Dank für das Interview.

Beitragsbild von Moritz Schierenbeck, lizensiert unter CC-BY 3.0 DE